Wer dieses Land besucht, verliebt sich darin, lautet das einhellige Urteil der Venezolaner. Auch wenn sie selbst gerne die Shopping-Malls von Miami überfluten und ein Urlaub in den USA oder Europa das Höchste ist: Wie kann man den Orinoco nicht vermissen, wie das kristallklare Meer bei Los Roques entbehren, wie die Käsestangen tequeños, wie die Sonne auf der PenÃnsula Paria? Wie kann man leben ohne die Teigtäschchen empanadas de cazón, ohne die Gran Sabana, ohne die Andengipfel und die hohen Wellen vor der Isla de Margarita? Ohne die Schokolade aus Paria, ohne den Kaffee aus den Anden, ohne den Rum Santa Teresa? Ohne Übertreibung: Das geht nicht.
Sosehr die Venezolaner ihre Isla de Margarita lieben und sie alljährlich zu Ostern, Weihnachten und an jedem verlängerten Wochenende beehren, so preisen sie als gute Patrioten auch die überwältigenden anderen Landesteile.
Und in der Tat schlägt Venezuela mit seiner Natur Besucher in seinen Bann. Alles ist möglich: Traumurlaub unter Kokospalmen an karibischen Gestaden. Hochgebirgstouren durch die bizarre Welt der Anden - der Pico BolÃvar erreicht 5007 m! Wildwasserfahrten und Expeditionen auf den Spuren Alexander von Humboldts bis zum Casiquiare, dem Fluss, der sowohl in den Orinoco als auch in den RÃo Negro (Amazonas) mündet. Das Glück der Erde auf dem Rücken der Pferde entdecken: mit den venezolanischen Cowboys durch die Llanos streifen oder die Gran Sabana mit ihren wolkenverhangenen Tafelbergen besuchen.
In Caracas mit seinen modernen, spiegelglasverkleideten Betontürmen und seiner schnellen Metro pulsiert das gesellschaftliche Leben des Landes. Jeder vierte Venezolaner lebt in der Hauptstadt und fühlt sich als caraqueño den Provinzlern haushoch überlegen. Dabei sind die meisten caraqueños Zugereiste. Caracas ist eine grelle und schnelllebige Stadt. Unter allen Metropolen Lateinamerikas ist sie die modernste, vielleicht auch die lauteste, und sicher ist sie Chicago ähnlicher als Quito.
Die ehemals koloniale Kleinstadt, die immer im Schatten der Geschichte dämmerte, hat den Sprung ins 21. Jh. geschafft, ohne sich um ihre Vergangenheit zu kümmern. Ein seelenloser Moloch indes ist Caracas mitnichten. Die koloniale Plaza BolÃvar ist im Vergleich zur Stadtdimension zwar winzig, aber stimmungsvoll, und die Parks und Museen kennen zu lernen macht Spaß. Die Hauptstadt liegt auf 800 m Höhe in einem Windkanal zwischen den Bergen. Nennenswerte Industrie findet sich in der Stadt nicht. Die Luft in diesem »ewigen Frühling«, wie Humboldt das Klima von Caracas bezeichnete, könnte also himmlisch sein - wenn Autos und Abgase nicht wären. Da zeigt sie sich, die Nähe zu den USA. Dass man Auto fährt, ist hier eine der Voraussetzungen fürs Vorwärtskommen.
In Caracas wird gearbeitet, in den Badeorten das verdiente Geld ausgegeben. Atolle und Riffe, exzellente Tauchsportparadiese, sind der Küste vorgelagert, in Los Roques, den Nationalparks Morrocoy und Mochima. Von Mochima ist es nur ein Katzensprung zur Isla de Margarita. Hier gibt es genügend landschaftliche Schönheiten, die einem den Urlaub jenseits des Sonnenstuhls versüßen.
Am Fuß der PenÃnsula Paraguaná stößt man auf eine der Kolonialperlen Venezuelas, Coro, die älteste Stadt des Landes. Weiter westlich schließt sich das hitzeflimmernde Tiefland um den Maracaibosee an, in dem man Anfang des 20. Jhs. Erdöl fand. Etwa 200 km Luftlinie südlich vom schwülen Maracaibo, in Mérida, wartet die einsame, kühle Welt der Anden, der klaren Gebirgsbäche und der abgelegenen Indiodörfer. Hier ist nichts mehr vom hektischen karibischen Venezuela zu spüren.
Endlose Weiten und ein Himmel ohne Grenzen: Die wahre Seele Venezuelas liegt in den Steppen und Savannen im Südwesten, meinen viele. Cowboyromantik, Lagerfeuer unterm Sternenzelt. Südlich des Orinoco, in den Staaten Apure, BolÃvar und Amazonas, kommt man nur noch mit dem Einbaum weiter, in die »grüne Hölle« Amazoniens. Die Reise den Orinoco hinauf ist heute kaum weniger abenteuerlich als zu Zeiten Alexander von Humboldts. Und sein Delta ist eine kleine Sensation für sich.
Das aufregendste Abenteuer erwartet Venezuela-Besucher südlich des Orinoco im Staat BolÃvar. Wie stumme Zeugen der Vergangenheit ragen die Tafelberge aus der Gran Sabana auf, der »Großen Savanne«. Sie beherbergen eine einzigartige Tier- und Pflanzenwelt. Die tepuis, die indianischen »Häuser der Götter«, sind von Wolken gekrönt, und von ihren senkrechten Felswänden rauschen gewaltige Wasserfälle herab - der Salto Angel fast 1000 m tief! Dschungelcamps und Urwaldpfade haben diese Welt für Naturliebhaber erschlossen.
Venezuela hat im vergangenen Jahrhundert gewaltige Umwälzungen durchgemacht. Zwischen den Großstädten und dem Land bestehen große Unterschiede. Das liegt an dem in der ersten Dekade des 20. Jhs. entdeckten Reichtum, dem Erdöl. Seit das Öl in Fontänen zum ersten Mal aus der Erde sprudelte, verließen Bauern Vieh und Pflug, Kaffeeplantagen und Kakaofelder, um vom »schwarzen Gold« zu profitieren. Manchmal zum Guten, aber nicht immer zum Besseren, wie die barrios marginales in der Hauptstadt Caracas zeigen. Caracas und Maracaibo verwandelten sich rasch von beschaulichen Provinznestern in moderne Großstädte. Heute leben vier von fünf Venezolanern in Städten, und die größten - Caracas, Maracaibo, Valencia, Maracay, Puerto Cabello und Puerto La Cruz - liegen in der Küstenregion.
Die Petrodollars haben das Land verdorben, meinen die Kulturkritiker. Die Ölmilliarden haben das Land zum reichsten Südamerikas gemacht, darauf verweisen die Ökonomen. Eines ist gewiss: Seit die goldenen Zeiten des Erdölbooms vorbei sind, trauern die Venezolaner. Es ist zwar schon mehr als 20 Jahre her, dass - wie die Reichen sagen - selbst Putzfrauen in den Boutiquen von Miami einkauften, aber seitdem geht es in ihren Augen nur noch bergab. »Die Venezolaner suchen nach schnellen Lösungen, die nichts kosten, und sie erwarten dazu das Kommando von oben«, kritisierte einmal der zweimalige Präsident Carlos Andrés Pérez, der selbst die Staatskasse um 16 Mio. Dollar erleichtert hatte.
Venezuela, mit 912 050 km² fast dreimal so groß wie Deutschland, entzieht sich klaren Definitionen, so wie die meisten Venezolaner es auch nicht mögen, sich festzulegen, beim Wort genommen oder gar an Zusagen erinnert zu werden. Die Gelegenheit beim Schopf zu packen ist viel interessanter, als Nibelungentreue zu zeigen. Mit Leichtigkeit ändern die Venezolaner ihre Meinung. Bezeichnenderweise bedeutet Musik für sie fast immer zugleich Tanz und nicht etwa Versenkung. Sie als oberflächlich oder als neureich zu bezeichnen liegt Mitteleuropäern sehr nahe. Doch wer dringt schon in die Verästelungen einer venezolanischen Sippe ein? Dort ist zu spüren, wie stark die Familienbande das Leben der meisten Bürger bestimmen.
Und wer sind die Venezolaner? Unter den rund 22 Mio. Bürgern dominiert die braune Hautfarbe - und die Jugend. Die Hälfte der Bevölkerung ist unter 18 Jahre alt. 70 Prozent aller Venezolaner haben europäische, afrikanische oder indianische Vorfahren; 20 Prozent bezeichnen sich als weiß, acht Prozent als schwarz, und rund ein Prozent der Bevölkerung sind Indianer.
Der Alltag in Caracas unterscheidet sich sehr von dem in einem Andendorf, einer Fischerhütte an der Küste oder in einem Dschungelnest am Orinoco. Ein zurückhaltender Bewohner der Anden hat wenig gemein mit dem fröhlich-lässigen Witz eines Ostküstenbewohners, dem selbstbewussten Spott eines maracucho aus Maracaibo oder der stolzen Ernsthaftigkeit der llaneros und der Menschen aus Guayana.
Wie facettenreich das Land ist, kann jeder Besucher selbst entdecken. Bei Urlaubsende wird er sich wie jeder Venezolaner, der auf Auslandsreise geht, der Frage stellen: Wie wird er das alles vermissen, den Orinoco, den Rum, die Gran Sabana, die Schokolade, die Tafelberge, das Meer bei Los Roques - und nicht zu vergessen: die tequeños!