Der Westen der Vereinigten Staaten: Verheißungsvoll ist er, als wild gilt er mancherorts bis heute noch, und irgendwie anders als der Osten ist er auf jeden Fall.
Noch bis weit ins 19. Jh. hinein war der Westen offen, ein Land unbegrenzter Möglichkeiten. Go west, young man! rief man der Jugend zu: Geh in den Westen, dort hast du alle Chancen! Aber auch heute wird die gängige Formel verwendet, der Osten sei der veraltete, zwar traditions- und kulturreiche, aber irgendwie doch dekadente Teil des Landes, während der Westen zwar schnelllebig, aber deshalb auch dynamisch und modern sei.
Nun lässt sich nicht verleugnen, dass die Besiedlung der Neuen Welt durch die Europäer im Osten begann. Doch auf wirtschaftlichem Gebiet, da ist von der asiatischen Verbindung die Rede, und Pacific Rim heißt das Zauberwort. Soll heißen: Die Anrainer des großen Pazifischen Ozeans, also auch Kalifornien, Oregon und Washington, seien der aufstrebende neue Wirtschaftsraum. Das stimmt jedoch nur bedingt. Es stimmt, dass japanische Produkte - Autos wie Videospiele - schneller auf den Markt der westlichen Staaten gelangen und dort auch billiger sind. Aber Amerikas Flugzeugindustrie, an der Westküste beheimatet und immer noch der bedeutendste Exporteur der Vereinigten Staaten, denkt global. Ebenso die Landwirtschaft, deren riesige Agrobusinessfarmen auch überwiegend westlich des Mississippis liegen, die aber gleichwohl Russland mit Weizen und Westeuropa mit Soja beliefert.
Dimensionen und Entwicklungen sind im jungen Westen krasser und ausgeprägter. Das Boomland Kalifornien bekam die jüngste Krise der zuvor so lukrativen Computerindustrie deutlicher zu spüren als jede andere Region Amerikas.
Auch die Landnutzung im Westen setzt deutliche Akzente: Südkalifornien von Los Angeles bis San Diego ist heute ein zusammenhängendes Konglomerat, ein urbaner Moloch, wo eigentlich Wüste sein müsste, eine künstliche Riesenoase, die schon bald 20 Mio. Einwohner zählen soll. Gemessen an der Größe des Westens, ist die geringe Zahl weiterer Metropolen überraschend: San Francisco, Dallas, Houston, Denver, Phoenix und Seattle. Die allermeisten Bürger der Weststaaten leben in wenigen Ballungsgebieten. Dazwischen liegt flaches Land, das streckenweise extrem dünn besiedelt ist.
Wortwörtlich stimmt der Begriff »flaches Land« für die Great Plains unmittelbar westlich des Mississippis. Was dort das Land prägt, ist mit drei Wörtern zu beschreiben: Mais, Soja und Weizen. Die Straßen durch die Great Plains führen schnurgerade zwischen nicht enden wollenden Feldern auf die gewaltigen Rocky Mountains zu.
Nach einer Unmenge von Serpentinen befindet man sich auf der Höhe der höchsten Alpengipfel und ist froh, endlich am Denkmal für den Mormonenführer Brigham Young angelangt zu sein.
Während im Mormonenstaat Utah religiöse Ordnung herrscht, sind nebenan in Nevada die Sitten lockerer. Hinter den Phantasiefassaden der Spielhöllen von Las Vegas tun sich glitzernde Hallen auf, in denen Alkohol und Geld fließen.
Weiter zur Küste, zum Golden Gate in San Francisco: Einmal noch heißt es kraxeln, über die Sierra Nevada, dann geht es hinunter in das Tal der Täler, ins San Joaquin Valley, wo alles wächst: Spinat, Sultaninen, Walnüsse und Wein - fein säuberlich abgeerntet von mexikanischen Wanderarbeitern, die hier ihre Version des amerikanischen Traums erleben. Weit besser erging es ein Tal weiter westlich den Computerfreaks, die beim Boom des Silicon Valley Millionen scheffelten.
San Francisco, die wohl schönste Stadt der USA, unterscheidet sich deutlich vom (film)schaumschlägerischen Moloch Los Angeles. Hier Genuss, Fußgänger und Eliten der Hochkultur, dort Hektik, verstopfte Freeways, die Stars der Massenkultur und davor die Strände als Schauplatz der von den Beach Boys besungenen Körperkultur. Zwischen San Francisco und Los Angeles liegt Big Sur: Auf atemberaubende Weise schlängelt sich der legendäre Highway 1 um tiefe Buchten und steil ins Meer abfallende Felsen herum.
Nicht weniger dramatisch wirkt die Küste nördlich von San Francisco mit gigantischen Redwoodbäumen an tiefen Buchten - bis zur kanadischen Grenze eine oft menschenleere Natur. Im Hinterland gibt es dann Abwechslungen wie das französisch geprägte, liebliche Napa Valley, Amerikas bedeutendstes Weinbaugebiet; die sich immer höher aufreckenden Berge der Cascades, darunter so gefährliche wie den Vulkan Mount St. Helens, oder den beeindruckenden Columbia River, dessen Weite Windsurfer als ideales Revier entdeckt haben.
Wer indes von Los Angeles aus wieder nach Osten gereist ist, kommt in die Wüste. Die Mojave Desert beginnt eigentlich schon im Zentrum des nur unter extremem Aufwand mit Wasser versorgten Los Angeles. Doch L. A. hat die Wüste verdrängt - erst weit außerhalb beginnen die Kargheit und das Indianerland. Die Reservate der Navajo, der Hopi und der Apachen ziehen sich hinüber nach Arizona und New Mexico.
Ein Abstecher ins Death Valley, das Tal des Todes, ist allerdings unerlässlich! Selbst Gegner des Airconditioning werden dort die Klimaanlage einschalten. 86 m unter dem Meeresspiegel und im Windschatten der Sierra Nevada, da steigt die Temperatur nicht selten auf über 50 Grad an. John Steinbeck schrieb, das Tal habe etwas »Verborgenes, Abwartendes«. Worauf wartet es? Der Name sagt alles. Von den Goldsuchern, die während des Goldrauschs 1849 nach Westen wollten, hat hier mehr als einer sein Leben gelassen. Wer wissen will, was für ein Gefühl Wüste macht, braucht nur einmal für eine viertel Stunde durch die Wanderdünen zu laufen …
Krass kommt auf andere Weise auch der nahe Grand Canyon daher. Man fährt und fährt auf einem bewaldeten Hochplateau, bis sich plötzlich, ohne jede Vorwarnung durch die Landschaft, der Spalt auftut, den der Colorado River über die Jahrtausende gegraben hat. Einmal hinabsteigen - früh und mit großem Getränkevorrat - heißt, mehrere Klima- und Vegetationszonen zu durchwandern.
Wie ein Bilderbuch schlägt sich danach der restliche Südwesten auf: Canyons und Kakteenwüsten, Steppen, grüne Hänge und schneebedeckte Gipfel. Dazu Geisterstädte, aufgelassene Goldminen und mit Wassersportlern übersäte Stauseen, das endlose Schachbrettmuster der Straßen von Phoenix, die uralten Lehmburgen der Puebloindianer. Eine faszinierende Vielfalt.
Hier bereut man es fast, die Grenze nach Texas zu überschreiten. Denn das platte Texas ist über riesige Strecken nichts als staubiges Grasland, auf dem fast nie Rinder, häufig aber die Ölpumpen mit ihren nickenden Köpfen weiden. Natürlich besucht man Houston oder Dallas. Pittoresker als die nach dem abgeebbten Ölboom manchmal wieder leer stehenden Bürotürme dieser Metropole ist allemal das mexikanisch geprägte San Antonio.
Überall im weiten Westen wird man bei einer Rundfahrt auch den Menschen des Landes näher kommen, ihre viel besungene Freundlichkeit erleben und die sentimentale Vaterlandsliebe - in ihrer reinsten Form zu sehen am Präsidentendenkmal Mount Rushmore.
Go west! Wir sprechen von den westlichen Staaten der kontinentalen USA (unter Auslassung Hawaiis und Alaskas). Diese Staaten machen immer noch den größeren Teil des Landes aus, den wilderen und extremeren. Auch hier hat der Schmelztiegel auf seine Weise gewirkt, zwar nie alles ganz ineinander aufgehen lassen, aber doch Kulturen so zusammengebracht, dass sie einander befruchteten. Man könnte sich in China wähnen oder in Mexiko, in Schweden oder in der Schweiz, in Irland oder in Russland, gäbe es nicht den Katalysator des neueren Teils der Neuen Welt, der irgendwie alle vergessen lässt, wo sie herkommen, und der sie alle verbindet: Man lebt hier und jetzt.