In Kalocsa sitzen Frauen im Schatten der Bäume und sticken die typischen bunten Blumenmotive. In Budapest öffnet eine der größten Hightechschmieden im mittleren Osteuropa ihre Pforten. In der Puszta trainieren die csikós ihre halsbrecherischen Reitkünste. Auf den Landstraßen zuckeln Pferdewagen und Trabis, unablässig überholt von PS-starken Neuwagen. Tradition und Moderne, Armut und Reichtum, Stagnation und Fortschritt: Ungarn ist ein Land, in dem vieles nebeneinander besteht - und miteinander auskommt.
Was ist Ungarn für das Gros der Besucher? Auch wenn sich kaum mehr jemand an den Film »Ich denke oft an Piroschka« von 1955 erinnert - allein der Name Piroschka weckt eine Fülle romantischer Assoziationen von Musik und Tanz bis Kesselgulasch und Pusztaweite. Prägend für das Ungarnbild war aber auch die Ausnahmerolle des Landes im ehemaligen Ostblock. Mit Ungarn verband sich die Vorstellung des westlichsten Landes im Osten, einer Insel, die sich von niemandem ganz vereinnahmen ließ.
Das Bild von der Insel ist in vielerlei Hinsicht angemessen. Einer Insel gleich liegt das Land, von den Karpaten umschlossen, in der Mitte Europas, am Schnittpunkt zwischen Ost und West. Und in kaum einem anderen Land mischen sich östliche und mitteleuropäische Völker wie in Ungarn. Aus den eurasischen Steppen haben sich die Reiternomaden auf den Weg gemacht, die Ungarn begründeten. Zu ihnen gesellten sich weitere Nomadenvölker wie Kumanen und Jazygen, aber auch Italiener, Franzosen, Wallonen, Deutsche, Slowaken und viele andere. Am deutlichsten zeigt sich der Inselcharakter, das Anderssein an der Sprache. Sie hat nichts mit benachbarten Sprachfamilien gemeinsam. Das Idiom der Ungarn ist der markanteste Ausdruck ihrer fernen ethnischen Herkunft.
Landschaftlich teilt sich Ungarn entlang der Flüsse: Westlich der Donau liegt das hügelreiche Transdanubien mit 400 bis 700 m hohen Bergrücken, von den Keszthelyer Bergen am nordwestlichen Plattensee über die weinbestandenen Balaton-Vulkane bis zu den Höhenzügen Bakony und Vértes nördlich des Sees sowie den Pilis- und Visegráder Höhen am Donauknie.
Der Balaton, auf Deutsch Plattensee, ist ein Teil Transdanubiens, aber als Hochburg des Tourismus kommt ihm eine Sonderstellung zu - erst recht im Bewusstsein der Ungarn, denn für sie ist er das »Ungarische Meer«, ihr Hort der Glückseligkeit. Das Donauknie, in der Biegung des Stroms von West-Ost nach Süden gelegen, ist kein eigener Landstrich, aber eine Kulturlandschaft von eigenständigem Charakter.
Mit seinen 800 bis über 1000 m aufragenden Mittelgebirgen ist Nordungarn die höchste Region des Landes. Daran schließt sich der wohl bekannteste Teil Ungarns an - die Große Tiefebene östlich der Donau, das weite, flache Puszta-Land. Der kulturell reichste und auch wirtschaftlich prosperierendste Landesteil ist Transdanubien.
Die Vergangenheit ist für die Mentalität der Ungarn von enormer Bedeutung. Der Name Árpád ist jedem Schulkind gewärtig, denn mit der Landnahme des Fürsten 896 beginnt die ungarische Geschichte. Neben Árpád spielen vor allem der erste König Stephan und die großen Zeiten unter dem Renaissancekönig Matthias (1458-90) eine wichtige Rolle für die Bewusstseinslage der Ungarn.
Wie sieht sich Ungarn heute? Als Vielvölkerstaat. Aber das Miteinander ist keineswegs spannungsfrei. Deutlicher als die deutsche Landesbezeichnung »Ungarn« ist die ungarische, Magyarország, was so viel heißt wie »das Land der Magyaren«. Die Magyaren stellen etwa 90 Prozent der Bevölkerung. Welche Bedeutung dieser Tatsache zukommt, erleben Besucher nicht selten, wenn die Musiker in den Touristenhochburgen ihre mitreißenden Weisen zum Besten geben. Toll, diese Zigeunermusik, kommentiert der Gast begeistert. Und erntet nicht selten den Hinweis: »Das ist keine Zigeunermusik, das ist ungarische Musik.«
Wie schon der große Komponist Franz Liszt halten auch die meisten Ungarnbesucher Zigeunermusik für die ungarische Musik schlechthin. Ein Irrtum, den Magyaren nur schwer verzeihen! Die Ressentiments gegenüber der Musik der Zigeuner, politisch korrekt: der Roma und Sinti, sind nur ein Hinweis auf das problematische Verhältnis zu dieser größten ethnischen Minderheit des Landes. Die Zahl der Roma und Sinti wird auf 600 000 geschätzt, liegt aber wohl deutlich darüber. Ihre Lage war bereits vor der Wende schwierig und hat sich nach 1989/90 drastisch veschlechtert. Die übrigen Minderheiten sind um die 100 000 Deutsche, etwa ebenso viele Slowaken und etwa 80 000 Kroaten.
Mit der 1989 erreichten Selbstbestimmung und dem Beitritt zur Europäischen Union ist die Rückkehr Ungarns nach Europa vollzogen. Doch der rasante Prozess der Modernisierung ist nicht unumstritten. Etwa 50 Prozent der Menschen verdienen nur den Mindestlohn von umgerechnet ca. 200 Euro, der Durchschnittsverdienst einer qualifizierten Arbeitskraft liegt bei ca. 280 bis 320 Euro - aber der Einkauf im Supermarkt ist oft teurer als in westlichen Ländern.
Fragen der wirtschaftlichen Entwicklung und der nationalen Identität spalten das Land in zwei Lager - versehen mit den Etiketten rechts und links - die sich scheinbar unversöhnlich gegenüberstehen. Ungarn ist auf der Suche nach sich selbst - doch es lässt der Zukunft trotz aller Vergangenheitsorientierung viel Raum. Dass die moderne Entwicklung nicht zwischen den Fronten zerrieben wird, liegt am Temperament der Magyaren: Ihre große Emotionalität ist nämlich gepaart mit viel Humor, pragmatischer Vernunft und einer gehörigen Portion Gelassenheit.
Wer Ungarn bereist, erlebt vor allem eine wunderbar vielfältige Natur und die Wiederbelebung eines enormen kulturellen Erbes. Beim Naturreichtum reicht das Spektrum von der Steppenfauna und -flora der Puszta über die noch ursprünglichen Wälder des Bakony, die Weinregionen und die Tropfsteinhöhlen im Karstgebirge des Nordens bis zu den Alpenausläufern im Westen.
Die Entdeckung des kulturellen Erbes gleicht einer faszinierenden Zeitreise: Die Römerzeit wird in attraktiven Ausgrabungen wie Tác-Gorsium oder im Ruinengarten mitten in der Stadt Szombathely lebendig. Eine Augenweide sind die restaurierten mittelalterlichen Städte wie das kleine Kfszeg oder Sopron. Barocke Stadtpracht zeigt sich in Eger, Gyfr, Vác, Kalocsa und Szentendre in blendender Schönheit. Debrecen und Szeged stehen ganz im Zeichen des Klassizismus und Historismus.
Das Beste an Ungarn? Es ist ein Land, das selbst große Herausforderungen mit bewundernswerter Überlebenskunst meistert. Dazu gehört auch, dass sich die Menschen trotz aller existenziellen Probleme Zeit nehmen, um gute Nachbarschaft und Gastlichkeit zu praktizieren. Diese Erfahrung gehört zu den schönsten, die Ungarnbesucher mitnehmen können.