Tunesien ist ein beliebtes Urlaubsland: Nur zwei bis drei Flugstunden von einem europäischen Flughafen entfernt betreten Sie afrikanischen Boden. Auf der Fahrt zu Ihrem Hotel erscheint Ihnen vieles vertraut, doch ebenso vieles wirkt exotisch und fremdartig, wie aus einer gänzlich anderen Welt. Das Straßenbild ist bunt und laut. Hinzu kommt die Architektur mit ihren maurischen Elementen, die flachen Dächer, das fast ausschließliche Weiß der Häuser und das helle Licht. Die Landessprache ist Arabisch, Französisch wird jedoch weiter als Umgangssprache beibehalten. Moderne Kleidung hat den Schleier nicht ganz verdrängt. Auf dem Weg zum Hotel werden Sie gleich mit dem ungewohnten Fahrstil der Verkehrsteilnehmer konfrontiert: Bei Rot wird nicht unbedingt gehalten, aber keine Angst, es regelt sich alles, manchmal mit Hilfe eines Polizisten, meist aber mit dem landesüblichen Fatalismus.
Fast 75 Jahre französisches Protektorat sind nicht ohne Spuren geblieben. Schulen, Kirchen und Straßen wurden gebaut, Kultur und Bildung von Frankreich gesteuert. Nach der Unabhängigkeit 1956 begann die moderne Entwicklung: Tunesien wurde Republik, erster Staatspräsident war Habib Bourguiba. Er proklamierte die Abschaffung der religiösen Gerichtsbarkeit, die Einführung der allgemeinen Schulpflicht, die Gleichstellung der Frau und das Verbot der Polygamie, besseren Arbeitslohn und Sozialgesetze. In den großen Städten wurden Universitäten gegründet, und es entstand eine neue, rein tunesische Gesellschaft. Ausländische Investitionen in Wirtschaft und Tourismus brachten die ersten Erfolge. Entwicklungshilfe kam besonders Industrieprojekten und dem Umweltschutz zugute. Zine El Abedine Ben Ali löste 1987 den kranken Habib Bourguiba als Staatspräsident ab.
Tunesien hat ungefähr 10 Mio. Einwohner, ist 163 610 km² groß und landschaftlich sehr vielfältig gestaltet. In den grünen Eichenwäldern im Nordwesten und in der dichten Mittelmeermacchie der Mogoden leben Atlashirsche und Wildschweine. Die Küste ist über 1200 km lang, mit steilen und schroffen Felsen im Norden und herrlichen Sandstränden zwischen Hammamet und Djerba. Die großen Städte liegen meist am Meer: Hier ist die Industrie angesiedelt. Viele Küstenbewohner leben vom Fischfang - oder vom Tourismus: Die Hotels an den Stränden bieten allen Komfort.
Wer das andere Tunesien kennen lernen möchte, sollte Zeit haben. Es ist am einfachsten mit dem Auto zu entdecken. Leihwagen aller Modelle stehen zwar zur Verfügung, sind aber teuer. Fahrradtouren sind für junge Leute eine abenteuerliche Herausforderung. In der Sahara und im Süden wird Kameltrekking angeboten. Für archäologisch Interessierte gibt es in Tunesien besonders viel zu entdecken. Die abwechslungsreiche Geschichte des Landes konnte aus allen Kulturepochen Zeitzeugen bewahren: aus vorgeschichtlicher Zeit die Hünengräber von Ellès und die vielen bearbeiteten Werkzeuge aus Feuerstein. Aus der punischen Zeit die Häfen von Karthago, das Tophet in Salammbô mit den Stelen der Kinderopfer und die Ruinenstadt Kerkouane. Die Römer bauten den Limes und hinterließen im ganzen Land Kulturstätten: das Kolosseum in El Djem, das Theater in Dougga, den Kapitolstempel in Thuburbo Majus, die unterirdischen Villen in Bulla Regia, die Thermen in Karthago und den 123 km langen Aquädukt, der Karthago mit dem Wasser vom Djebel Zaghouan versorgte. Aus der islamischen Epoche stammen Festungen wie die Ribat von Monastir und Sousse, dazu Kairouan mit seinen Moscheen und alten Bauten. Die Einwanderung muslimischer und jüdischer Flüchtlinge aus Andalusien brachte neue Elemente ins Land, eine Auflockerung des Baustils, der Kultur und der Musik.
Die weiten, fruchtbaren Hügel und Ebenen des Medjerdatals sind Mittelpunkt der tunesischen Landwirtschaft. Die manuelle Feldarbeit wird noch heute häufig von Frauen verrichtet. Mit ihrer bunten Kleidung und dem Silberschmuck wirken sie wie lebendige Bilder in der Landschaft. Überall auf den Feldern sind im Sommer Störche zu sehen.
Weiter nach Süden hin erheben sich die Berge der tunesischen Dorsale von Thala bis zum Cap Bon, Ausläufer des Saharaatlas und für Tunesien die Grenze vom feuchten Mittelmeer- zum trockenen Kontinentalklima. Dort wachsen die Aleppokiefer und der phönizische Wacholder, Thuja- und italienische Zypressen sowie Rosmarin und Thymian. Berggazellen, Stachelschweine, Hyänen und viele Greifvögel leben hier.
Die fruchtbare Halbinsel Cap Bon ist der Obst- und Gemüsegarten des Landes. Von hier aus wird Tunesien reichlich mit Früchten versorgt, sie werden auch exportiert und auf den europäischen Märkten gern gekauft. Die Blumen und blühenden Sträucher der Rosen und Geranien dienen der Destillation von ätherischen Ölen. Am kilometerlangen Sandstrand liegen Touristenhochburgen wie Nabeul und Hammamet. Das milde Meeresklima und der exotische Pflanzenwuchs machen diese Erholungsorte besonders attraktiv. An der Nordwestküste der Halbinsel mit ihren steilen, zerklüfteten Felsen und einsamen Badebuchten liegen die Thermalstationen Korbous und Aïn Oktor mit Heißwasserquellen von 44 bis 60 Grad.
Die Hochebenen von Sbeïtla bis Gafsa haben ein extremes Klima. Im Sommer herrscht große Hitze mit heißen Winden, im Winter Eiseskälte. Nomaden in ihren dunklen Zelten mit Schaf- oder Ziegenherden trifft man überall an. Sie ziehen im Sommer gen Norden. Im Winter, wenn es geregnet hat und frisches Gras wächst, sind sie wieder im Süden.
Die Bergketten des Südens sind trocken und kahl; bis auf die Bergoasen können Menschen hier kaum noch leben. Der frühere Baum- und Strauchbestand wurde längst für Feuerholz abgeschlagen, der Pflanzenwuchs wurde durch starke Überweidung zerstört. Bei heftigen Regenfällen hat das Wasser keinen Halt mehr. Es ergießt sich in zerstörenden Sturzbächen zu Tal und zieht dabei oft auch Ortschaften in Mitleidenschaft. Staatliche Maßnahmen, wie zum Beispiel Pflanzprogramme, sollen die Erosion aufhalten.
Südlich der Berge, die sich in westöstlicher Richtung durch das Land ziehen, beginnt die große Senke der Chotts, der Nordafrikanische Grabenbruch. Nordafrika schiebt sich unter den europäischen Kontinent, die Chotts sind Knickstellen. Die großen Salzpfannen des Chott El Rharsa, der 17 m unter dem Meeresspiegel liegt, des Chott El Djerid und des Chott Fedjadj trocknen regelmäßig aus. Die dicke Salzschicht ist extrem lebensfeindlich. Nach starken Regenfällen verwandeln sich die Chotts in riesige Seen, und Tausende von Watvögeln kommen zum Brüten. Am Rand der Chotts tritt Süßwasser an die Oberfläche, hier sind fruchtbare Oasen entstanden: Tozeur, Nefta, Kebili und Douz.
Südlich der Salzpfannen beginnt die Wüste mit den Sanddünen. Ab und zu trifft man auf Nomaden mit Dromedarherden. Im Sommer können die Temperaturen auf über 50 Grad im Schatten steigen. Der heiße Schirokko und die Sandstürme lassen die Wüste zur Hölle werden. Bei der Suche nach Erdöl wurde an manchen Stellen Wasser gefunden. Um diese Wasserstellen wachsen künstlich angelegte Oasen, wie etwa in Rjim Maatoug, südwestlich des Chott El Djerid.
Der Große Erg erstreckt sich bis in das Länderdreieck Algerien, Libyen und Tunesien. Hier liegt Bordj El Khadra, die südlichste tunesische Ansiedlung. Der Große Erg ist ganz und gar ohne Menschen und Wasser. In manchen Jahren fällt hier überhaupt kein Regen. Die Sanddünen werden über 70 m hoch. Dennoch wachsen Gräser, Sträucher und sogar Bäume. Wüstenfüchse, Sandund Hornvipern leben hier, und auch die seltene Dünengazelle findet in der Wüste Zuflucht.