Wie eine Perle, so wirkt es auf der Landkarte, hängt die Insel am indischen Subkontinent. Oder doch eher wie eine Träne? Keinem anderen Land hat man schönere Namen gegeben. In der Antike war vom Teich der roten Lotosblüten die Rede, vom Land der Hyazinthen und Rubine, von Lankadiva, der Insel der Götter, von Taprobane, dem kupferfarbenen Land. Auch Sri Lanka, der neue alte Staatsname, hat eine poetische Bedeutung: »Strahlend schönes Land« heißt die Insel jetzt wieder, die einige Jahrhunderte, während der europäischen Kolonialherrschaft, unter dem Namen Ceylon bekannt war. Auch dieser Begriff wurde immer wieder, wie in den Legenden aus uralter Zeit, mit dem Paradies verglichen. Reisekataloge nehmen solche Vergleiche nur zu gern auf. Und doch war dort, wo so lange der Garten Eden vermutet wurde, zuweilen die Hölle los: Fast 20 Jahre lang bombten und schossen sich die tamilischen Aktivisten der LTTE (Liberation Tigers of Tamil Eelam) und die Regierungstruppen immer wieder in die Schlagzeilen der Weltpresse. Der Tourismus und die übrige Wirtschaft wurden oft genug zurückgeworfen, wenn zwischendurch mal für ein paar Monate Hoffnung auf Frieden keimte. Erst seit dem Waffenstillstand im Frühjahr 2002, nach etwa 70 000 Toten und Hunderttausenden, die ihre Heimat verloren, macht sich Zuversicht breit. Alle Motoren sind angesprungen: Investoren stehen in den Startlöchern, an den Küsten, besonders im Osten, werden Hotelneubauten geplant, in Colombo, Kandy und Galle spiegelt eine vor Optimismus strotzende junge Szene die Aufbruchstimmung wider.
Höchstens zehn Flugstunden trennen uns von Sri Lanka, dessen Natur auf die Neuankömmlinge noch vielfältiger, noch verschwenderischer wirkt als sie es sich ausgemalt hatten: Traumstrände, schöner als in der Südsee, Teegärten und Reisterrassen, Stauseen, breite, schlammige Flüsse, ein Bergland mit Dschungeln, Resten des ursprünglichen Regenwalds und Rhododendronwäldern, gewaltige Wasserfälle, wildreiche Nationalparks mit Savannen und Mangroven, botanische Gärten mit den schönsten Blumen der Tropen. Und inmitten dieser unglaublich abwechslungsreichen Landschaft liegen die großartigen Monumente einer jahrtausendealten Hochkultur, die vor allem buddhistisch geprägt ist. Diese Tempel und Reliquienschreine, Palastruinen und Felsstatuen krönen Berge, ragen aus dem dichten Grün der Wildnis heraus oder lassen dunkle Höhlen zu kunstvoll ausgemalten Andachtsstätten werden. Alle diese Orte, auch wenn nur Säulenreste und Steine übrig geblieben sind, gelten den Einheimischen als heilig. Sie legen Blumen vor die verwitterten Buddhastatuen, sie betreten die Bezirke längst aufgelöster Klöster nach wie vor nur barfuß und mit liebevollem Respekt.
Die Urlauber schauen in die lächelnden Gesichter sanfter Menschen, von denen sie kaum sagen können, ob es Tamilen oder Singhalesen sind - und ihnen, den Gästen, die hier das Paradies suchen, ist die Grausamkeit unbegreiflich, mit der sich die beiden wichtigsten Bevölkerungsgruppen so lange schon befehden. Die Wurzeln des Streits, der in den letzten 25 Jahren zu einem Guerillakampf mit über 65 000 Opfern geworden ist, reichen tief in die Vergangenheit. Seit über 2000 Jahren ist die Geschichte Sri Lankas auch eine Geschichte der Auseinandersetzungen zwischen buddhistischen Singhalesen, die sich seit eh und je als die eigentlichen Herrn der Insel empfinden, und den hinduistischen Tamilen, die von der Mehrheit gern als Eindringlinge bezeichnet werden, obwohl sie kaum weniger lange auf der Insel siedeln.
Mit einer Legende beginnt die Historie: Ein Königssohn aus Nordindien, Vijaya, angeblich Enkel eines Löwen (singha oder sinha auf Singhalesisch), landet mit 700 Kriegern auf der Insel. Auf ihn führen die Singhalesen - die »Löwenmenschen« - ihren Ursprung zurück. Am Tag seiner Ankunft, so setzt sich die Legende fort, geht ein Adliger namens Siddharta Gautama in Nordindien ins Nirwana ein - als Buddha, der Erleuchtete. Das war um 480 vor unserer Zeitrechnung. 250 Jahre später bekehrte ein Sohn des großen indischen Kaisers Ashoka den König von Anuradhapura zum Buddhismus. Seither bestimmt diese Weltanschauung, ursprünglich eher eine Philosophie, heute eine der vier großen Weltreligionen, den Alltag - und mit ihren Festen auch den Jahresrhythmus der Bevölkerungsmehrheit. Und genauso lange halten die Versuche der Tamilen an, sich ihren Anteil am Paradies zu sichern. Bis ins 20. Jh. machten sich europäische Mächte, die sich als Kolonialherrn die Insel unterworfen hatten, den Zwist zu Nutze. Vor allem die Briten waren auch in diesem Teil der Welt Meister in der Kunst, zwei Gruppen gegeneinander auszuspielen. Sie bevorzugten in der Verwaltung die Tamilen, die ihnen wendiger und williger erschienen als die weit größere Gruppe der Singhalesen, die ihnen eher als stolze und an ihren Landbesitz gebundene Bauern gegenübertraten. Nach der Unabhängigkeit 1948 drehten jene, die sich immer schon für die Elite des Landes hielten, den Spieß um: Die Singhalesen unterdrückten nun Kultur und Sprache der Tamilen. Jahrzehntelang wurde die Minderheit rigoros benachteiligt. Diese flüchtete sich erst in den politischen und später in den bewaffneten Widerstand, der in den Terror der tamilischen Befreiungsbewegung LTTE, kurz Tamil Tigers genannt, mündete. In ihren Bastionen an der Ostküste und im Norden demonstrieren sie noch immer Kampfeswillen. Aber ihr Rückhalt in der tamilischen Bevölkerung schwindet, die Menschen sind des Kriegs müde. Fast jede Familie zwischen Jaffna und Trincomalee hat einen Sohn, Vater oder Bruder verloren. Alle setzen, wie auch die überwältigende Mehrheit der Singhalesen, auf eine politische Lösung.
Auch in der Antike wechselten friedliche Zeiten mit Kämpfen zwischen Singhalesen und Tamilen um die Vorherrschaft auf der Insel ab. Zwei besonders entspannte Epochen begründeten lange vor unserer Zeitrechnung - und später noch einmal im 11. Jh. - die Hochkultur, die wir heute so bewundern. Das waren die großen Königreiche, die zuerst von Anuradhapura aus, über 1200 Jahre lang, und danach für relativ kurze Zeit von Polonnaruwa aus regiert wurden. Sie sind buddhistisch geprägt, weisen aber an vielen Stellen bis heute sichtbar starke hinduistische und damit tamilische Einflüsse auf. Vor allem in den beiden ehemaligen Königsstädten, aber auch an vielen anderen Stellen, leuchten die weißen Kuppeln der buddhistischen Heiligenschreine - Dagobas genannt - aus dem tiefen Grün der Landschaft und faszinieren durch eine Atmosphäre, die von der Sanftmut dieser toleranten Weltanschauung bestimmt ist. Einen völlig anderen, nicht so kontemplativen Eindruck machen die Tempel der Hindus. Ihre Tortürme zieren bunte Darstellungen aus dem vielfältigen Götterhimmel dieser Religion. Die schönsten und am meisten besuchten Hindutempel stehen dort, wo die Tamilen in der Mehrheit sind: im Norden, besonders in und bei Jaffna, und an der Ostküste. Dort, zwischen Nilaweli und dem Dörfchen Panama, südlich von Pottuvil, warten alle auf den Startschuss, auf den Friedensvertrag. In Colombo, an den grünen Tischen und in den Schaltzentralen des Big Business, aber auch auf der Piste zwischen Cricket Café und Gallery Café, träumen die Strategen vom großen Geld, von 2 Mio. Touristen im Jahr. 2003 waren es gerade mal 400 000.
Sri Lanka, das auch einmal die Perle der Welt genannt worden ist, mag nie das Paradies gewesen sein. Aber wer mit offenen Sinnen durchs Land reist, wird bald zustimmen: An vielen Stellen kommt die Insel unserer Vorstellung vom Garten Eden, allen Problemen zum Trotz, doch ziemlich nahe.