Lang gestreckt und tiefblau liegt der See von Bohinj inmitten steiler Berghänge, bonbonbunte Fallschirme schweben und tanzen in den Auf- und Abwinden träger Julinachmittage. Immer mehr Paraglider lassen sich vom Startpunkt am Vogel oder auf der Komna über den See tragen, um auf der großen Wiese bei Ribcev Laz zu landen. Juchzer und Jodler hallen über den See, die Stimmung ist ausgelassen - bei denen oben in der Luft wie bei den Wartenden unten. Aus den Boxen einer Imbissbude tönt Popmusik. Freunde begrüßen sich, tauschen Erfahrungen über Windverhältnisse aus, holen Brot und Würste heraus, dazu eine Flasche Wein. Morgen werden sie vielleicht schon mit dem Kajak durch die Soca paddeln oder auf ihren Mountainbikes über das Pokljuka-Plateau fahren. Ganz gleich, welchen Beruf sie ausüben, ob sie auf dem Land leben oder in der Stadt, Punk sind oder Finanzbeamter, jung oder alt - Slowenen lieben die Natur. An den Wochenenden hält sie nichts in der Stadt, sie ziehen hinaus, um Sport zu treiben oder Onkel und Tante beim Umgraben des Ackers, bei der Weinlese zu helfen. Wenn im Sommer die Waldbeeren reifen, brechen sie mit Kind und Kegel in die Wälder auf, und sobald die ersten Pilze sprießen, gilt es, die begehrten Zutaten für Suppen und Saucen zu sammeln.
Zu dieser Naturverbundenheit passt auch Sloweniens größter Exportschlager, die Volksmusik der Oberkrainer, flotter und beschwingter als sonst alpenländisches Liedgut, voller Lebensfreude und Temperament. Nicht so gut passen die Statistiken, die Slowenien eine erschreckend hohe Suizidrate bescheinigen. Was in aller Welt treibt diese stets gut gelaunten und herzlichen Slowenen doppelt so häufig in den Selbstmord wie beispielsweise die Deutschen? Verbirgt sich hinter all der Gelassenheit doch jene schwermütige, dunkle Seite, die der »slawischen Seele« so gerne nachgesagt wird?
Stets mussten die Slowenen ihre Identität gegen fremde Eindringlinge behaupten: Deutsche, Österreicher, Ungarn, Italiener gaben sich die Klinke und die Herrschaft in die Hand. Slowenisch war die Sprache der Bauern und Diener, der einfachen Leute, und es zeugt von der Beharrlichkeit des Volkes, dass es seine Sprache trotz fremder Dominanz retten konnte. Viele Slowenen sehen auch die Jahre im sozialistischen Jugoslawien als eine Ära politischer und kultureller Unterdrückung. Dafür rächten sich nach der Unabhängigkeit manche an den in Slowenien lebenden Serben und Kroaten. Das Gefühl der Ohnmacht spiegelt sich in der in Jahrhunderten eingeübten Rolle des kleinen, machtlosen Mannes.
Ein wichtiges Thema ist das Essen. Nahrung im Überfluss zu besitzen, halten die meisten Slowenen für äußerst erstrebenswert. Bei Einladungen im Familienkreis wird Ihnen nicht nur eine Hauptspeise aufgetischt, sondern gleich drei verschiedene, davor natürlich Suppe, danach eine Auswahl an Kuchen, Obst, Eis. Und wenn Sie nach einem guten Restaurant fragen, wird das empfohlene Lokal mit Sicherheit folgendermaßen beschrieben: »Das Essen ist gut und die Portionen sind so, dass man satt wird.« Dabei bedürfte es dieser Bemerkung gar nicht, denn was in den Gasthöfen auf den Tisch kommt, ist ohnehin so reichlich, dass selbst wohl trainierte Esser an den Rand ihrer Aufnahmefähigkeit geraten.
Slowenien besitzt trotz seiner geringen Größe von etwas über 20 000 km² sehr unterschiedliche Landschaftsräume. Zwischen den Klettersteigen an den höchsten Gipfeln der slowenischen Julier um Bohinj und einem Eiscafé an der Adriaküste liegen etwa zwei Stunden Fahrzeit. Etwa genauso lange brauchen Sie, um vom Prekmurje, dem Land jenseits der Mura, mit seinen Storchennestern und Mühlen nach Postojna zu gelangen, wo Sie ein elektrischer Minizug in die schönste Tropfsteinhöhle Europas, die Postojnska jama, entführt. Abgesehen von der imposanten Kalksteinwelt der Alpen sind all diese Naturräume eher kleinteilig, und der Übergang von einem zum anderen ist stets überraschend. Sie biegen um einige Kurven, und schon haben Sie die alpine Welt der Soca-Schluchten verlassen und stehen im mediterranen Städtchen Kanal. Eine andere Serpentinenstraße bringt Sie im Zickzack aus der kargen Hochebene des Karsts hinunter an die Adriaküste mit Pinienalleen und Zypressenhainen, eine dritte von Weinbergen und Buschenschänken um Zrece hinauf in die Hochmoore auf dem Pohorje-Gebirge.
Etwa zwei Millionen Slowenen haben in ihrem kleinen Land gleichwohl viel Platz; nur der Küstenstreifen ist relativ kurz. Ein kluger Kopf hat errechnet, dass jedem Slowenen 2,3 cm der 46 km langen Adriaküste zustehen. Das Land besitzt große, kaum besiedelte Naturräume wie den Triglav-Nationalpark in den Julischen Alpen oder das Waldgebiet des Kocevski rog südlich von Ljubljana. Jedes Dorf besitzt einen kleinen Hügel oder Felsvorsprung, auf dem - mehr oder weniger gut erhalten - der grad, die Burg oder das Schloss, thront. Manche bestehen nur noch aus Mauerresten, andere sind in Wohnungen unterteilt und von finanziell schwachen Familien besetzt. Aber es gibt auch eine große Zahl wieder aufgebauter oder restaurierter Schlösser, die Erstaunliches bergen: wertvolle Gemälde, Skulpturen und Möbel oder originelle Museen und Galerien.
Auf den ersten Blick wirkt in Slowenien alles idyllisch, konservativ und intakt. Erst beim näheren Hinsehen werden Sie erkennen, dass die Slowenen mit einer heimlichen Lust an der Provokation mit ihrer bürgerlich-naiven Fassade spielen. Hinter den Mauern der mittelalterlichen Burg von Štanjel residiert eine Galerie moderner Grafik, den Park des Barockschlosses Kostanjevica schmücken wundersame Holzskulpturen; beim Seebad Portorož fallen Steinplastiken zwischen Olivenhainen und Weinreben auf. Vieles davon ist der Forma-Viva-Bewegung zu danken. Sie vereint alle zwei Jahre Bildhauer zu einem Workshop in ländlicher Umgebung. Natur und Kunst, bäuerliche Tradition und Avantgarde finden so fast beiläufig zueinander.
Haben Sie Lust bekommen? Auf einen Aktivurlaub vielleicht, mit Radeln, Wandern und Paddeln? Oder ziehen Sie die beschauliche Variante vor: spazieren gehen, im warmen Thermalwasser die verspannten Muskeln lockern? Oder wollen Sie durch die Lande streifen, hie und da den Wein probieren und zwischendurch eine deftige Mahlzeit genießen? Steht Ihnen der Sinn nach einem Golfurlaub und nach einer Unterkunft im Schloss, in einer Burg oder in einer Villa, die auch schon Staatsoberhäupter bewohnten? Sind Sie Wasserurlauber, der die blaue Adria oder einen smaragdgrünen See bevorzugt? Lieben Sie die Einsamkeit des Hochgebirges, die klare Welt der Felsen und scharfen Horizonte? Dann auf nach Slowenien, denn dort können Sie all das haben!