Asien für Anfänger? Aseptischer Häuserhaufen ohne Gesicht, ohne Seele gar? Wohl kaum eine Stadt in Südostasien ist so klischeebehaftet wie die 4-Mio.-Menschen-Metropole Singapur. Jeder meint das kleine Tropeneiland am Zipfel des südostasiatischen Festlands - 42 km lang, maximal 23 km breit - zu kennen: Die meisten Besucher denken an Marathon-Einkaufstouren auf der Orchard Road. Oder an den berühmten Cocktail Singapore Sling, ein Relikt aus längst vergessener Zeit, als die Stadt britische Kronkolonie war. Und kein Besucher, der nicht über fine city, die schöne Stadt der Strafen, witzeln würde.
Ganz so abwegig sind die Klischees natürlich nicht. Die Stadt ist insofern »Asien light«, als sie es Europäern leicht macht, sich schnell wohl zu fühlen. Wer auch nur ein bisschen Englisch spricht, kann Singapur problemlos auf eigene Faust erkunden. Er wird essen und trinken können, wo und wonach ihm der Sinn steht. Er wird sicher sein in jeder Ecke der Stadt.
Und er wird überall auf freundliche Passanten treffen, die ihm weiterhelfen und - nicht ohne Stolz - die Heimat erklären. Dazu gehört auch, dass Singapur berühmt ist für seine drakonischen Strafen bei vergleichsweise harmlosen Vergehen - stecken Sie sich in einem öffentlichen Gebäude eine Zigarette an, sind 1000 Singapurdollar Strafe fällig. Natürlich belächeln auch die Einheimischen diese Maßnahmen. Jedoch nur, um ein wenig trotzig anzufügen, dass es funktioniert: »Oder haben Sie etwas gegen eine saubere Stadt?«
Natürlich nicht - und deshalb kommen jährlich 8 Mio. Besucher ins Tropenparadies, allein 150 000 aus Deutschland. Sie genießen den zuvorkommenden Service in den Hotels, schwelgen im kolonialen Flair unter Palmen und geben sich dem supermodernen Luxus dieser Stadt hin: Von 10 bis 22 Uhr klingeln sieben Tage die Woche die Kassen der Shoppingmalls.
Wer es allerdings bei Erfahrungen im Einkaufsparadies belässt, nimmt einen reichlich oberflächlichen Eindruck mit nach Hause. Denn tatsächlich ist die Vielvölkerstadt mit ihren 77 Prozent Chinesen, 14 Prozent Malaien und acht Prozent Indern sehr wohl auch eine echte asiatische Metropole. Tolerant leben Buddhisten, Moslems, Hindus und Christen nebeneinander. Zwei Feiertage wurden aus jeder Religion bestimmt, die jeweils inselweit gelten. Beim Bummel durch Stadtteile wie Chinatown oder Little India schauen Sie hinter die modern-westlichen Fassaden der Metropole, die Singapur auf den ersten Blick zu prägen scheinen. Der Alltag wird heute noch von den Traditionen aus den jeweiligen Heimatländern bestimmt. In leuchtend bunten Saris erledigen Frauen in Little India ihre Einkäufe, in Chinatown sind meist ältere Frauen im bequemen China-Look unterwegs, in pyjamaähnlichen Blusen-Hosen-Kombinationen. Entzückend sehen die malaiischen Kinder aus, wenn sie fein gemacht auf dem Weg in die Moschee sind.
Kann ein Spaziergang auf Grund des drückend heißen Tropenklimas sehr anstrengend sein, werden die Mühen mit faszinierenden Eindrücken aus einer anderen Welt belohnt: Lassen Sie die unruhige Atmosphäre in einem der vielen Hindutempel auf sich wirken, schauen Sie nicht nur kurz hinein. Gerne wird man Ihnen die fremden Gottheiten erklären; wenn Sie freitags unterwegs sind, kann es Ihnen passieren, dass Sie zu einer gemeinsamen Mahlzeit eingeladen werden. Beim Bummel durch Chinatown steigt Ihnen nicht nur in den chinesischen Tempeln, sondern auch an vielen Ecken des Viertels der Duft von Räucherstäbchen in die Nase: Auf kleinen Altärchen sind die duftenden Essenzen in bunte Früchte gesteckt.
Zwischen den Hochhäusern, in die Geschäftsleute aus aller Herren Länder strömen, entspannen sich die Singapurer in ihren vielen Grünanlagen bei einem geruhsamen Schwätzchen. Der Rentner im Feinrippunterhemd und die Geschäftsfrau im edlen Kostüm treffen sich mittags beim hawker stall um die Ecke: Die Liebe zum Essen vereint Junge wie Alte, Reiche wie Arme, Chinesen, Malaien und Inder.
Singapur ist ein internationales Finanz- und Wirtschaftszentrum und versteht sich völlig zu Recht als hub, als Dreh- und Angelpunkt der Region, von dem aus nicht nur die unmittelbaren Nachbarn Indonesien und Malaysia profitieren, sondern Südostasien insgesamt. Mehr als zwei Drittel aller Waren, die Europa nach Südostasien schickt, werden über Singapurs imposanten Containerhafen in die umliegenden Länder verschifft.
Auch ist Singapur ein Hafen der Stabilität in einer fragilen Region. Die Regierungspartei Peoples Action Party (PAP) lenkt, begleitet von staatstreuen Medien, eine Regierung, die so lange behütend ist, wie niemand den Konsens in Frage stellt. Dabei ist es nicht so, dass es den anderen Parteien grundsätzlich an Unterstützung mangelte: Viele Singapurer wünschen sich eine Kraft, die der PAP auf die Finger schaut; wohl nur der Respekt vor der Partei des so autokratischen wie charismatischen Staatsgründers Lee Kuan Yew und ihres Quasi-Monopols auf Posten, Karrieren und Einfluss hält Kritiker davon ab, sich als Konkurrenten zu bewerben. Aus europäischer Sicht bleibt ein bitterer Beigeschmack, und es gibt Singapurer, die die politische und soziale Kontrolle als Entmündigung empfinden. Gewerkschaften sind zu Regierungsinstrumenten umfunktioniert worden, ausländische Zeitungen werden zensiert.
Dennoch: Die Mehrheit der Bevölkerung ist mit ihrer Regierung zufrieden. Die Arbeitslosenzahlen halten sich trotz Wirtschaftsflaute in relativ engen Grenzen, es gibt einen gut ausgebildeten, zufriedenen Mittelstand, ein akzeptables soziales Netz und einen egalitären, sozialen Wohnungsbau. Zudem wird der Inselstaat von allen umliegenden Ländern um sein hervorragendes Gesundheitssystem beneidet. Die Kriminalitätsrate ist niedrig, das subjektive Sicherheitsgefühl viel größer als in anderen Großstädten. Das macht den Aufenthalt so angenehm - nicht nur für Besucher, die zum ersten Mal in Asien unterwegs sind.
Singa Pura, Löwenstadt, taufte ihr Entdecker, der indische Prinz Nila Utama, gegen Ende des 13. Jhs. dieses Küstendorf, nachdem ihm ein imposantes Wesen im dichten Tropenwald erschienen war, das er für einen Löwen hielt. »Singa« ist das Wort aus dem Sanskrit für Löwe. Dank seiner günstigen geografischen Lage an der Malakka-Seestraße entwickelte sich der Flecken durch siamesische, indische, javanische und malaiische Kaufleute zu einem kleinen Handelsstützpunkt. Der Brite Sir Thomas Stamford Raffles, der im Januar 1819 dort landete, erkannte die strategische Bedeutung des Ortes, dessen auf 300 Ew. geschätzte Bevölkerung zum Sultanat von Johor an der Südspitze Malaysias gehörte. Raffles akquirierte die Insel für die britische East India Company und legte so den Grundstein für die Zukunft Singapurs.
In knapp 50 Jahren rodeten indische Sträflinge den malariaverseuchten Dschungel, bauten Straßen und Kanäle. Chinesische Kulis schleppten Elfenbein und Gewürze, Tee, Seide, Edelhölzer und Opium, später auch Zinn und Kautschuk von den Schiffen in die Lagerhäuser. 1911 lebten bereits 250 000 Menschen in Singapur; sie gehörten 48 Ethnien an, die meisten kamen aus den Südprovinzen Chinas, viele aus Indonesien, Malaysia und Indien.
Für die britischen Kolonialherren war Singapur wichtiger und angeblich bestens befestigter Stützpunkt - von der Seeseite her uneinnehmbar für jeden Angreifer. Doch die Japaner, die während des Zweiten Weltkrieges Asien unter ihre Kontrolle zu bringen gedachten, benutzten bei ihrem Eroberungszug - Fahrräder! Sie radelten die Malaiische Halbinsel hinunter und eroberten das von dieser Seite ungeschützte Singapur am 15. Februar 1942. Bis zur Kapitulation am 21. August 1945 herrschten die japanischen Streitkräfte mit Brutalität auf der Insel. Die Briten kamen danach zurück, Singapur wurde Kronkolonie. Zum Wahrzeichen der Stadt erkor man das Fabeltier, das Prinz Nila Utama einst zu sehen glaubte: Merlion heißt es - und trägt ein Löwenhaupt über dem Fischschwanz.
Als Standbild grüßt Merlion heute die Besucher auf Sentosa, am Hafen und in den Andenkenläden. Schon die Fahrt vom Flugplatz in die Stadt verspricht, was Singapur hält: Palmen wiegen sich im Wind, links blitzt das Meer auf, jede Brücke ist üppig mit Orchideen bepflanzt. Besucher sind immer wieder überrascht und begeistert von der gepflegten, blumengeschmückten Großstadt, in der es sich so angenehm leben lässt. Und das, obwohl sie sich kräftig herausputzt: Im Zentrum entstehen Großprojekte wie die neue Management University, die U-Bahn MRT bekommt neue Strecken, Sehenswürdigkeiten werden renoviert und ausgebaut.