Schweden ist seit 1995 Mitglied der Europäischen Union, und historische Dimensionen hat auch der Brückenschlag zum »Kontinent«, die Verbindung über den Öresund zwischen Kopenhagen und Malmö. Seit Juli 2000 rollen Autos und Eisenbahn über die längste Schrägseilbrücke der Welt. Ohne an feste Fährzeiten gebunden zu sein, kann man nun nordwärts fahren, in ein Land, das mit gerade mal 8,8 Mio. Einwohnern klein, mit einer Fläche von 450 000 km² aber riesengroß ist. Während das Land im Süden von den milden Wassern der Ostsee bespült wird, steckt es mit dem Kopf in arktischen Breiten. Dazwischen liegen knapp 1600 km - das entspricht der Entfernung Hamburg-Rom. Was also garantiert ist, lässt sich auf die Kurzformel bringen: Natur pur im Überfluss. Sei's nun, dass Sie nach Schweden fahren, um zwei, drei Wochen an einem stillen Waldsee in einem roten Holzhäuschen mit weißen Fensterrahmen und Dachkanten den Alltagsstress abzustreifen und die Seele baumeln zu lassen, um auf Wanderung in den Fjälls von Härjedalen oder Lappland zu gehen oder in den Schären der Westküste zu faulenzen - immer übertrifft die Wirklichkeit die bunten Bilder der Werbebroschüren.
Die Schweden machen es den Gästen leicht, sich in ihr Land zu verlieben. Schließlich ist der Sommer die schönste Zeit für einen Besuch. Dann putzt sich Schweden heraus. Das beginnt schon zu Mittsommer, dem neben Weihnachten wichtigsten Fest. In jedem Dorf wird die reich geschmückte »Mittsommerstange« aufgestellt, die nach alten Vorlagen geschneiderten Trachten werden aus dem Schrank geholt, die Mädchen setzen sich Kränze aus Wiesenblumen ins naturblonde Haar, und die Spielleute in Dalarna und anderen urschwedischen Provinzen stimmen die Fiedel.
Wo schon vor knapp 100 Jahren Selma Lagerlöfs Winzling Nils Holgersson seine »Wunderbare Reise mit den Wildgänsen« begann, starten auch wir die Schwedenreise - im Süden. Die südlichste Provinz Schonen, schwedisch Skåne, gehörte 500 Jahre, von 1150 bis 1650, zu Dänemark. Das hat unauslöschliche Spuren hinterlassen: ein gutturales Schwedisch, weiße Vierkanthöfe aus Fachwerk und Kirchen mit Treppengiebeln, Landgasthöfe (gästgivargårdar), die eine üppige Tafel führen, und Schlösser wie im Nachbarland Dänemark. Auch blickt die drittgrößte Stadt Schwedens, Malmö, eher zum »Kontinent« und nach Kopenhagen als ins schwedische Hinterland oder gar nach Stockholm. Das schöne, ja liebliche Schonen beginnt gleich vor den Toren von Malmö. 30 km südlich liegen Falsterbo und Skanör auf einer von kilometerlangen Sandstränden gesäumten Halbinsel. Weiter an der Küste, über Trelleborg, kommt man in die reizenden Fachwerkstädtchen Ystad und Simrishamn. Während die Orte am Öresund - von Malmö über die alte, lebendige Dom- und Universitätsstadt Lund bis Helsingborg - als Ballungsgebiete gelten können, ist die Landschaft Österlen auf der Südostseite von Schonen mit ihren Hügelchen, zwischen denen sich die Dörfer und Schlösser verstecken, ein Idyll, ein »schonisches Bullerbü«. Entdeckungen macht man auf Schritt und Tritt - wobei Tritt sich auch aufs Fahrrad beziehen sollte, das ideale Fortbewegungsmittel in dieser Landschaft, wo die kantige Burg Glimmingehus zwischen Ystad und Simrishamn oder das schönste Wasserschloss von Schonen, Vittskövle südlich von Kristianstad, zu entdecken sind. Im Sommer steigt lieblicher Rauch aus der Fischräucherei von Kåseberga unterhalb der berühmten Steinsetzung Ales stenar.
Die Grenze zwischen Schonen und Småland ist fließend: Wald und Seen hüben wie drüben. Aber die Ortsnamen enden nun öfters auf -torp (kleiner Bauernhof), -kulla (Hügel) und -sjö (See). Für einen Urlaub im Häuschen am See - stugsemester, wie die Schweden sagen - ist Småland ideal. Versteckt im Wald zwischen Nybro, Emmaboda und Växjö liegen märchenhafte, ja magische Plätze. Das sind die Glashütten im »Glasreich«, wo in rot glühendem Ofenschlund der Rohstoff für zauberhafte Kunstwerke, hauchdünne Kelche und Gefäße geschmolzen wird. Es ist ein unvergessliches Schauspiel, einem Glasbläser dabei zuzusehen, wie er einen weichen, geschmolzenen Glasklumpen mit dem stählernen Blasrohr in große Kunst verwandelt.
Drüben in Kalmar, in dieser schönen Stadt am Meer, steht als Eckpfeiler der schwedischen Geschichte das gewaltige Schloss, in dem vor langer Zeit Königin Margarete die Kalmarer Union schmiedete. Das ist mehr als 600 Jahre her, aber beim Rundgang durch die Säle und Gemächer kommt es einem vor, als wäre es gestern gewesen. In Kalmar erlebt man wie in der alten Hansestadt Visby auf Gotland, in der Altstadt von Stockholm, in den alten Bergbaudörfern von Bergslagen oder den Schärenorten an West- und Ostküste eine Wiedergeburt des Alten, Vergangenen, die mehr ist als eine Rettung vor dem Zahn der Zeit. Schweden kämpft einerseits für den technologischen Fortschritt als Spitzenreiter bei der Nutzung von Computer, Internet und Mobiltelefon, andererseits will es die Sehnsucht nach »Bullerbü«, nach Naturnähe stillen und pflegt deshalb hingebungsvoll sein kulturelles Erbe: Viele Plätze stehen auf der Liste des Weltkulturerbes der Unesco.
Der Rundblick im Süden wäre unvollständig ohne die Inseln Öland und Gotland. Sie sind Ziele, die allein für sich die Reise nach Schweden lohnen. Kommen Sie aber nicht unbedingt im Juli, wenn das ganze Land industrisemester (Ferien) hat und es eng wird auf den Stränden und Campingplätzen. Im Früh- und Spätsommer ist es hier am schönsten, dann blühen die Orchideenwiesen, und die Zugvogelschwärme sammeln sich an der Südspitze Ölands. Gleiches gilt für die Westküste, obwohl an der Schärenküste immer noch ein verstecktes Plätzchen zu finden ist, wo man ungestört in der Sonne faulenzen kann. Die hübschen Städtchen und Fischerdörfer, von Marstrand über Fiskebäckskil und Smögen bis Strömstad, erleben dann allerdings einen Volksauflauf, dem die Küste auch den Spitznamen »Schwedische Riviera« verdankt.
Aber nur einige Schwedenmeilen weiter - in Meilen, jeweils 10 km, rechnen rechnet man hierzulande die Entfernungen -, einige Meilen weiter nördlich also ist man mit der Natur wieder allein: in Dalsland, das aus nichts als Wald und einem Labyrinth großer und kleiner Seen besteht. Dort wurde der Film »Ronja Räubertochter« nach dem Roman von Astrid Lindgren gedreht. Dalsland ist das Traumziel der Kanuten, hier paddeln sie in die große Freiheit.
Ganz im Geist des neuen Jahrtausends erlebt man die Hauptstadt als swinging, prickelnd, jung. Das Zusammenspiel von bebauter Fläche und freien Naturräumen macht aus Stockholm nicht etwa nur ein »Venedig des Nordens«. Einmalig ist auch, dass es hier möglich war, den bisher einzigen Nationalpark der Welt mitten in einer Großstadt zu schaffen. Und das, obwohl die Haupstadt mit dem Kosmos der 24 000 Schäreninseln bereits einen einmaligen Naturschatz direkt vor der Haustür hat.
In Dalarna könnte man für den Rest seiner Tage Urlaub machen, so schön ist es dort. Diese Provinz wird zu Recht das Herz Schwedens genannt. Mittelpunkt ist der Siljan, eine weiträumige, helle Seenlandschaft mit Orten wie Mora, Leksand, Rättvik, bewohnt von den Darlekarliern, einem Menschenschlag, der schon immer für seine Traditionsverbundenheit und Tüchtigkeit gerühmt wurde. Wie sie ihre roten Holzhäuser, ihre Trachten und Musik pflegen, hat nichts mit touristischer Folklore zu tun, sondern einfach mit Heimatliebe. Dass man davon gut leben kann - umso besser! Besonders wenn die Einheimischen profitieren und nicht irgendwelche ausländischen Investoren und Saisonarbeiter. Ähnlich sieht es in den nördlichen Regionen aus, in Härjedalen, Jämtland und Lappland. Hier ist Aktivurlaub Trumpf, Wandern in den Fjälls, Kanu fahren und Rafting in reißenden Strömen, Biber-, Rentier-, Höhlen- und Wildmarksafaris, Hundeschlitten- und Schneeskooter-Touren unter dem Nordlicht. Denn kein Terrain eignet sich dafür besser als die »letzte Wildnis Europas« südlich und nördlich des Polarkreises.