Ein Telefonat mit der rumänischen Zugauskunft. Ich möchte wissen, wann Züge von Temeswar nach Arad fahren, zwei Städte im Westen Rumäniens, eine Strecke von 50 km. Die Dame am Telefon nennt drei Züge. Nun möchte ich aber auch die Abfahrtstermine für die Rückreise haben. »Warum wollen Sie das denn wissen?« wundert sich die Frau. Verwirrt stammele ich etwas scheinbar Logisches über mein Recht, Reisen zumindest in den wichtigsten Details vorher zu planen. Dann habe ich eine Idee: Ich erzähle der anonymen Angestellten der staatlichen rumänischen Eisenbahn schlicht und einfach, weshalb ich nach Arad fahren will. Nach diesem Outing öffnet auch die Beamtin ihre Seele und gibt mir, außer den Abfahrtszeiten, weitere Tipps für den Aufenthalt mit auf den Weg. So ist das Leben in Rumänien. Institutionen fangen jetzt erst an, sich als Gebilde im Dienst des Bürgers zu begreifen. Trotzdem ist man nicht verloren, denn der persönliche Kontakt rettet im Prinzip alles. »Ein trauriges Land voller Humor« - der Satz eines rumänischen Schriftstellers wurde zum geflügelten Wort, das die mit Selbstironie gesegneten Rumänen immer wieder gern zitieren.
Rumänien liegt dort, wo die Vorstellungswelt des Westbürgers über das, was zu Europa gehören könnte, aufhört - und zwar sowohl geografisch als auch politisch und geistig. Eingekeilt zwischen Bulgarien und Serbien-Montenegro im Süden, der Ukraine im Norden und dem mitteleuropäischen Ungarn im Westen, im Osten vom Schwarzen Meer umspült, kuschelt sich das Land um den Karpatenbogen herum und in sein Inneres hinein. Ein schönes Land, das sonst in der Welt vor allem durch Berichte über den Terror des 1989 gestürzten Diktators Nicolae Ceausescu aufgefallen ist, über verhungernde Waisenkinder, Korruption und wirtschaftliche Misere. Dies ist die leider wahre eine Seite der Medaille, doch die andere gibt es auch: die herzlichen, offenen Menschen, die großteils unberührte Natur in der lieblichen Bergwelt - wenn auch mitunter durch Industriewracks und Plattenbauten verschandelt -, die geheimnisvollen Höhlen in den Karpaten, die mittelalterlichen Baudenkmäler in Siebenbürgen und in der Moldau, die fabelhafte, einzigartige Flora und Fauna des Donaudeltas, die authentische Folklore in den Dörfern und die Strände am Schwarzen Meer. Von den insgesamt 245 km Schwarzmeerküste werden vor allem die 40 km zwischen Constanta und Vama Veche touristisch genutzt. Der Abschnitt wirkt wie eine einzige Freiluftparty: ein Hotelkasten neben dem anderen, eine Kneipe neben der anderen. Wer es laut und feuchtfröhlich mag, ist hier richtig. Doch Ruhebedürftige wird der Kneipenlärm stören. Viele Hotels sind zudem he-runtergekommen, die Strände nicht immer sauber. Für Rucksacktouristen hingegen ist Rumänien eine reizvolle Herausforderung. Sie kommen bei Touren durch die atemberaubende Landschaft in den Apuseni, der Maramures, Siebenbürgens und der Bukowina auf ihre Kosten.
Wer Neugier, etwas Abenteuerlust und Kommunikationsfreude mitbringt, vermag im Karpatenland eine Menge zu entdecken, wenn er es auf eigene Faust erkundet. Vor allem in den Dörfern und Tälern tut sich eine Vielfalt an Sitten und Bräuchen auf, beeinflusst von Orient, Okzident und der heidnischen Vorgeschichte. Ausführliche Tipps für Abenteuersuchende gibt die Website www.karpatenwilli.com.
Die Benzinversorgung ist mittlerweile kein Problem mehr, und der Zustand der Landstraßen hat sich deutlich gebessert - was aber nicht heißt, dass nirgendwo mehr ein Schlagloch anzutreffen wäre. Nicht nur deshalb sollten sich Autofahrer auf den verführerisch ebenen Straßen nicht zum Rasen verleiten lassen. Die Gebirgsserpentinen und Fernstraßen werden auch von Fußgängern und unbeleuchteten Pferdewagen benutzt. Es kann leicht passieren, dass hinter einer Kurve plötzlich ein Pferd quer auf der Straße steht. Zu den malerischsten Orten führen fast nur Schotterpisten.
Der Zugverkehr hat sich bisher noch nicht entscheidend verbessert. Zuverlässige und relativ schnelle Verbindungen gibt es nur zwischen den größeren Städten. Der Nahverkehr ist eine Katastrophe. Kurze Wege in Kleinstädte und Dörfer dauern aus unerfindlichen Gründen Ewigkeiten, weshalb die meisten Pendler einfach per Anhalter fahren.
Langsam und leise sind vor allem in Siebenbürgen und in der Bukowina blitzsaubere private Pensionen entstanden, ein Netz von Privatquartieren bei Bauern hat sich entwickelt. Man ist auf die Tristesse realsozialistischer Hotels nicht mehr angewiesen. Doch muss man die gemütlichen, zivilisierten Herbergen gezielt suchen. Aufs Geratewohl riskieren Reisende, in einem lauten Etablissement von zweifelhafter Hygiene zu landen.
Was Fremde in Rumänien immer wieder verblüfft, ist das scheinbar unglaubliche Nebeneinander von Dingen und Zuständen, die nicht zusammenpassen. Auf dem Land stehen bittere Armut, Aberglaube und Analphabetismus neben dem Neureichtum der jüngeren Generation, die es dank Gastarbeit im Westen zu Einfamilienhaus und Auto gebracht hat. In Bukarest swingt die aufstrebende Jugend zwischen Handy und Internet, daneben stehen Horden von Bettlern. Kinder leben auf der Straße, kommunizieren aber per E-Mail. Es gibt Bewohner in Plattenbauvierteln, die auf offener Straße Hühner, Lämmer und Schweine schlachten.
Alle Regierungen Rumäniens seit dem Fall des Kommunismus haben versprochen, dem Land zum Anschluss an Westeuropa zu verhelfen. Nach 1989 war es wirtschaftliches Schlusslicht in Europa. Doch seit 2000 hat ein kräftiger Aufschwung mit traumhaften Wirtschaftsdaten eingesetzt. Fast alle staatlichen Industrieungetüme wurden privatisiert, viele ausländische Investoren ließen sich nieder. Junge Leute streben vor allem in die Computerbranche. Rumänien gehört mittlerweile zu den sechs Ländern weltweit mit den meisten IT-Spezialisten pro Kopf. Doch bei weiten Teilen der Bevölkerung ist der Aufschwung noch nicht angekommen. Vor allem Alte leiden unter den hohen Strom- und Heizkosten, die im Winter ihre Rente oft übersteigen.
Für 2007 ist Rumäniens Beitritt zur Europäischen Union geplant. Das ist der historische Traum eines Volkes, das stets zwischen den Imperien und Machtblöcken in einer Grauzone lag und eine Ausnahmestellung hatte. Umgeben von slawischen Völkern, ist Rumänien eine romanische Sprachinsel, entstanden durch die Verschmelzung des Urvolks der Daker mit den Römern, die das Land unter Kaiser Trajan 106 n. Chr. besetzten. Jahrhundertelang waren die rumänischen Fürstentümer Spielball der wechselnden Kräfteverhältnisse zwischen Österreich-Ungarn, Russland und der Türkei. Unter Ceausescu geriet Rumänien erneut in eine Sondersituation, weil der Diktator nach Unabhängigkeit von Moskau strebte und das Land in die außenpolitische Isolation trieb. Nach seinem Sturz im Zuge des blutigen Volksaufstands im Dezember 1989 kamen nur mäßig gewendete Kommunisten unter Präsident Ion Iliescu an die Macht. Seither gab es schon drei demokratische Machtwechsel.
Vielleicht ist es sogar ein Vorteil, dass Rumänien wegen der unzureichenden Infrastruktur noch nicht vom Massentourismus überrollt wurde. So können Reisende das normale Leben im Karpatenland in unverfälschter Form kennen lernen: beim Schlendern durch die verträumten mittelalterlichen Städte in Siebenbürgen, bei Touren zu den wunderschönen Moldauklöstern und im Naturparadies Donaudelta.