Wer ist sich schon dessen bewusst, dass es von Berlin bis Köln genau so weit ist wie von Berlin bis Warschau? Oder dass die Stettiner nur anderthalb Stunden unterwegs sind, wenn sie mit dem Auto zum Einkaufen nach Berlin fahren? Polen liegt so nah und dennoch so weit. Traditionell blicken Westeuropäer eher nach Westen als nach Osten. Dabei hat Polen nicht nur landschaftliche Attraktionen und eine ebenso spielerische wie geschichtsbewusste Mentalität zu bieten. Auf Grund jahrhundertelanger Nachbarschaft begegnen gerade Deutsche in Polen oft der eigenen Geschichte.
Das Land (313 000 km², 38 Mio. Ew.) bietet seinen Besuchern ganz unterschiedliche Reize. Im Norden die lange Ostseeküste mit ihrem weißen Sandstrand, die ausgedehnte Seenlandschaft, in der fast 10 000 stehende Gewässer eine Ausdehnung von mehr als 1 ha haben, und die endlosen Wälder voller Blaubeeren und Pilze. Die Sudeten und Karpaten locken mit malerischen Bergseen, Wasserfällen, skurrilen Felsformen, sanften und wild zerklüfteten Berggipfeln. Die Bieszczady schließlich, das Gebirge am südöstlichsten Zipfel Polens, dicht an der Grenze zur Ukraine, bilden den romantischen, aber armen Teil des Landes, der in der Infrastruktur weit hinter den Landesdurchschnitt zurückfällt.
Neben diesen Schönheiten und vielen weitgehend intakten und natürlichen Gegenden hat das Land allerdings auch dunkle Seiten. Das ganze oberschlesische Kohlerevier überzieht eine dunkelgraue, dumpfe Rußschicht. Abwässer aus den Industrieanlagen und Wohnzentren haben das Wasser von Weichsel und Oder seit langem verseucht; Umweltschutz rückt erst langsam ins Bewusstsein. Wie so oft in Polen - die Extreme liegen dicht beieinander.
Extrem ist auch der Unterschied zwischen den grauen Betonsilos der Trabantenstädte und den erstklassig wieder aufgebauten oder restaurierten Stadtkernen einiger Großstädte. Warschau, Danzig, Breslau, Stettin und Posen lagen am Ende des Zweiten Weltkriegs ganz oder zu großen Teilen in Schutt und Asche. Entweder hatte Hitler sie mutwillig zerstört (wie Warschau nach dem Aufstand der polnischen Untergrundarmee im Herbst 1944), oder sie waren in die Kampflinie zwischen den abrückenden deutschen Einheiten und den vorstoßenden sowjetischen Truppen geraten.
Gleich in den ersten Nachkriegsjahren ließ die kommunistische Regierung jedoch ganze Häuserzeilen mit unendlicher Akribie und nach alten Plänen wieder aufbauen, die den Gebäuden ihre ursprünglichen Fassaden zurückgaben. Nun sind Warschaus und Danzigs Stadtkerne - die einen sagen es mit Stolz, bei den anderen schwingt ein wenig Distanz mit - lebendige Museen, grandios kopierte Originale aus vergangenen Jahrhunderten, die die zerschossene, zerbombte, verbrannte Vergangenheit vergessen machen.
Die Polen sind sehr geschichtsbewusst. Ganz anders als der Westen orientieren sie sich stark an Denk- und Verhaltensmustern aus der Vergangenheit, vor allem an der grundlegenden Erfahrung, dass selbst lange und drückende Fremdherrschaft nicht ihre nationale Identität zerstören kann. Das war so in den 146 Jahren, in denen das Land unter Preußen, Russen und Österreichern aufgeteilt war (1772 bis 1918), das wiederholte sich 1939 bis 1945 unter nationalsozialistischer Okkupation und nochmals unter der kommunistischen Herrschaft nach 1945. Die Nation sah sich als Märtyrer, als »Christus der Völker«, Dichter wie bildende Künstler setzten ihrer Aufopferung und ihrem Leiden im 19. Jh. Denkmäler. Noch heute wird an Allerheiligen der Powazki-Friedhof in Warschau zu einem wogenden Lichtermeer. An den Gräbern von Verwandten und Freunden, die für Polen kämpften und fielen, stellt sich die Gemeinschaft aller her, die für das Vaterland das Leben zu opfern bereit waren und sind. Auch Solidarnosc schuf Gedenkstätten für die Märtyrer der polnischen Protestbewegung, wie etwa in Posen für die Erschossenen des Juni-Aufstands von 1956 oder in Danzig für die beim Streik 1970 Ermordeten.
Als Erste in Osteuropa haben sich die Polen gegen die kommunistische Herrschaft gewehrt. Und von Polen ging der Aufbruch aus - 1980, als die unabhängige Gewerkschaft Solidarnosc gegründet wurde, und 1989, als am »Runden Tisch« die Kommunisten eine echte Opposition im Parlament zulassen mussten. Polen brachte den Stein ins Rollen, der schließlich den Kommunismus auch in Prag, Budapest, Bukarest und Ostberlin stürzte.
Seit der Wende ist Polen ein Land des Umbruchs. Aus dem egalitären, rigiden kommunistischen Korsett hat sich unter großen Anstrengungen eine Gesellschaft herausgeschält, die lernt, ihre Freiheit zu nutzen. Unrentables fiel, staatliche Betriebe machten dicht, der private (auch der schwarze) Handel blühte. In den Städten eröffneten Selbstbedienungsläden, Lokale und Boutiquen, ausländische Konzerne bauten Filialen in allen Großstädten auf, hier schossen gläserne Bürohäuser aus dem Boden, dort wurden Altstädte restauriert. Das Einheitsgrau aus sozialistischen Zeiten wurde von bunten Reklameschildern verdrängt. Besonders die Großstädte Warschau, Breslau, Danzig und Krakau können sich in Bezug auf Warenangebot, Gastronomie und kulturelle Darbietungen durchaus mit dem Westen messen.
Und die Polen wollen sich messen, besonders mit den Deutschen - dem überlegenen Nachbarn, der sich in der Teilungszeit die Westgebiete Polens einverleibte, im Nationalsozialismus das ganze Land besetzte und nach dem Zweiten Weltkrieg mit der sowjettreuen DDR die aufmüpfigen Slawen von Westen her in Schach hielt. Das Misstrauen ihnen gegenüber sitzt daher tief. Doch nach dem Grenzvertrag von 1990 und dem Freundschaftsvertrag von 1991 begannen sich die Beziehungen auf staatlicher Ebene zu normalisieren. Das Verhältnis zwischen Polen und Deutschland entwickelt sich seitdem auch in der Ökologie, der Wirtschaft und der Wissenschaft, vor allem im Bereich der grenznahen Zusammenarbeit. Das Bild der Deutschen - auch wenn die negativen Seiten im Konfliktfall schnell wachzurufen sind - verbessert sich kontinuierlich. Die Polen schätzen Gewissenhaftigkeit, Disziplin und Zuverlässigkeit der Deutschen - fürchten allerdings auch, dass diese Eigenschaften wieder zu blindem Gehorsam degenerieren könnten. Den Deutschen wiederum gefällt die slawische Spontanität, die Wärme und die Gastfreundschaft, aber sie flüchten vor der Improvisation und Regellosigkeit des polnischen Alltags.
»Die Chance ist einzigartig«, sagte die Journalistin Marion Gräfin Dönhoff, als sie 1991 den Ehrendoktor der Universität Thorn erhielt. »Nicht Revisionismus, wie nach dem Ersten Weltkrieg ist heute die Losung, sondern die gemeinsame Arbeit am europäischen Haus; also die Errichtung eines gemeinsamen Dachs über beiden Teilen unseres Kontinents.«
Doch gemeinsame Institutionen allein vermögen die Spannungen nicht abzubauen. Das zeigten die durchgängigen Proteste in Polen gegen ein Zentrum gegen Vertreibungen in Berlin - Deutsche als Opfer scheinen die Geschichte auf den Kopf zu stellen. Es bleibt nur, hier wie dort um Verständnis für das Schicksal von Menschen zu werben, deren Geschichtsbilder sich nicht immer entsprechen.