Wollen Sie einen Luxemburger mal so richtig ärgern? Dann müssen Sie ihm nur dieses populäre Klischee auftischen: Na ja, euer kleines Großherzogtum - ein guter Platz für Banken, ein billiger Ort zum Tanken! Aber sonst … Er wird sich auf dem Absatz umdrehen - oder aber, wenn es einer von der geduldigen Sorte ist, erst mal tief Luft holen und mit einem freundlichen Lächeln zu einem längeren Vortrag anheben. Über die Größe seines Landes bzw. seine Kleinheit. Über seine Schönheit, seine Vielfalt, seine Eigenart, die einmalig ist in Europa.
Zuerst wird er natürlich von der Hauptstadt reden, der Stadt Luxemburg, wohin die meisten Touristen fahren. Er wird schwärmen von ihrer wunderbaren Lage auf einem Sandsteinmassiv hoch über dem Tal der Alzette. Dort auf dem Bockfelsen hat im Jahr 963 der Stadtgründer Graf Siegfried aus den Ardennen seine Lützelburg (»kleine Burg«) gebaut, von der Stadt und Land ihren Namen haben. Nur die Grundmauern sind übrig geblieben. Von diesem Felsen aus öffnet sich ein grandioses Panorama auf die Silhouette der mittelalterlichen Festungsstadt zwischen Berg und Tal (Napoleon nannte sie ehrfurchtsvoll das »Gibraltar des Nordens«), aber auch auf die moderne Satellitenstadt jenseits des Tals auf dem Kirchberg, wo die EU und neuerdings die Banken mit ihren futuristischen Renommierpalästen zu Hause sind.
Vom Bockfelsen ist es ein Katzensprung in die Altstadt, wo in einem bescheidenen Palast der Großherzog residiert - bewacht von ein, zwei paradierenden Soldaten, die permanent als lebende Fototapete für Schnappschusstouristen herhalten müssen. Und gleich um die Ecke, auf der Place Guillaume und der Place d'Armes, da mischt sich Bodenständiges mit dem Duft der großen weiten Welt: Da sieht man deutsche Banker mit Luxemburger Marktfrauen parlieren. Da schäkern englische EU-Dolmetscherinnen mit belgischen Flohmarkthändlern, da begrüßen portugiesische Portiers holländische Hotelgäste, da drängeln sich japanische Businessmen mit einheimischen Yuppies am Tresen der schicken Cafés und Bistros. Die City der Hauptstadt ist ein richtiger Schmelztiegel der Milieus und der Nationen: Eurokraten, Banker, Geschäftsleute, die »echten« Luxemburger und die vielen portugiesischen Einwandererfamilien. Fast 40 Prozent der luxemburgischen Bevölkerung sind Ausländer, in der Hauptstadt sind es sogar um die 50 Prozent, Tendenz: steigend!
In der Stadt Luxemburg ist also das historische, politische, wirtschaftliche und kulturelle Zentrum des Landes. Doch wer nur die Hauptstadt besucht, so wird unser Luxemburger am Ende der kleinen Stadtführung sagen, der kennt noch lange nicht Luxemburg! Man muss auch unbedingt das Umland erleben, das ländliche Luxemburg, das ebenfalls durch seine kontrastreiche Vielfalt auf kleinem Raum besticht. Den Norden des Landes zum Beispiel, die Luxemburger Ardennen: ein sanft gewelltes Hochplateau mit tief eingeschnittenen Flusstälern, stillen Dörfern, dichten Wäldern und Burgen, immer wieder Burgen. Die eindrucksvollste ist die von Vianden im Nordosten des Landes. Zusammen mit der alten Abteistadt Echternach an der Sauer ist sie die meistbesuchte Touristenattraktion des ländlichen Luxemburg. Von dort ist es nicht weit ins breite, offene Tal der Mosel, wo ein guter, jenseits der Landesgrenzen zu Unrecht kaum bekannter Wein gedeiht. In schroffem Kontrast dazu steht der Süden des Landes, die Terres Rouges - das »Land der roten Erde« mit seiner Eisenerz- und Hüttenindustrie, bis Mitte des 20. Jhs. das große Schwungrad der Wirtschaft, bis in den Siebziger- und Achtzigerjahren die große Stahlkrise kam. Heute zeigt sich das Revier von seiner Gesundschrumpfung gut erholt und präsentiert selbstbewusst seine vom Ruß befreite alte Industriekultur, deren rauer Charme auch viele jüngere Leute aus dem Rest des Landes zum Wohnen und Arbeiten anlockt.
Wie haben es die Luxemburger eigentlich geschafft, als so kleines Land eine Nation zu werden und bis heute zu bleiben? Zu verdanken haben sie dies der strategischen Bedeutung ihrer wehrhaften Burg und dem Wiener Kongress von 1815. Zuvor waren sie 400 Jahre lang wehr- und rechtloser Spielball der Großmächte Burgund, Spanien, Österreich, Frankreich, Niederlande und Preußen. Doch dann wird das Land unversehens in die Unabhängigkeit entlassen - aus strategischen Gründen und mit gehörigen Abstrichen: Die Preußen bleiben im Land stationiert, und einen eigenen Großherzog gibts auch noch nicht, das erledigt bis 1890 im »Nebenjob« der niederländische König. Erst dann bekommt Luxemburg eine eigene Dynastie: die Familie derer von Nassau-Weilburg. Der seit 2000 amtierende Großherzog Henri, sechster Spross dieser Dynastie, ist Herr über 440 000 Luxemburger. Die verteilen sich über ein Land, das gerade mal 82 km lang und 57 km breit ist, aber nach dem Zweiten Weltkrieg einen ungeahnten, von nur wenigen Krisen getrübten wirtschaftlichen Aufschwung nahm. Von der Stahlindustrie war schon die Rede, hinzu kamen die europäischen Institutionen, die geschicktes Luxemburger Management nach dem Krieg ins Land lotste. 1952 wurde Luxemburg erster provisorischer Sitz der Montanunion, der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl, Keimzelle der EWG und der heutigen EU. Zu verdanken hat das Land dies dem gebürtigen Luxemburger und späteren französischen Ministerpräsidenten und Außenminister Robert Schuman, der zusammen mit Konrad Adenauer und Alcide de Gasperi als Gründungsvater Europas gilt. Auch die Vaterschaft des heutigen Euro kann ein Luxemburger für sich reklamieren: Pierre Werner, zwischen 1959 und 1984 mehrfach Premierminister des Landes, hat in den Siebzigerjahren schon einen detaillierten Plan zur Einführung einer europäischen Einheitswährung entworfen, der wegweisend für den Euro war. Heute ist Luxemburg zusammen mit Brüssel und Straßburg Europahauptstadt und Standort wichtiger EU-Institutionen wie des Europäischen Gerichtshofes. Treibsatz des jüngsten wirtschaftlichen Aufschwungs jedoch war der diskrete Charme des Luxemburger Bankgeheimnisses, das viel ausländisches Kapital anlockte und das die Musterknaben Europas lange gegen alle europäischen Harmonisierungsbestrebungen verteidigen konnten.
Das Resultat all dieser Aktivitäten: Die Luxemburger haben das höchste Pro-Kopf-Einkommen in Europa, sind das reichste Land Europas und das drittreichste der Welt! All dies macht so manchen wackeren Luxemburger mitunter sprachlos - obgleich er in der Regel mindestens drei Sprachen spricht: Französisch und Deutsch lernt er schon früh in der Grundschule und spricht beides oft so fließend wie seine Muttersprache, das Lëtzebuergesche. Glückliches Luxemburg: Auch in seiner Vielsprachigkeit ist es wegweisend für Europa. Obwohl, und hier meldet sich unser sonst so stolzer Luxemburger eher skeptisch zu Wort: »Wir sprechen jede Menge Sprachen - aber keine richtig!« meint er. Und beklagt auch die träge Selbstzufriedenheit, ja Arroganz so manchen Landsmannes im vermeintlichen Schlaraffenland. Er fragt sich stattdessen etwas bang: Wie lange wird der Boom im kleinen Land noch anhalten, ist er vielleicht nur eine Seifenblase, die bald platzen wird?
Wie dem auch sei: Das Großherzogtum Luxemburg ist in jeder Beziehung ein auf- und anregendes Land, in dem sich verschrobene Kleinstaaterei mit eleganter Weltläufigkeit, operettenhafter Charme mit cooler Funktionalität, französisches Savoir-vivre mit deutscher Gründlichkeit zu einer ganz besonderen Melange verbinden, die einzigartig ist in Europa. Und trotz aller Geschäftigkeit und Gigantomanie: Luxemburg ist im Grunde ein kleines, verträumtes Land geblieben, »ein kühles, grünes Märchenreich, ein Land zum Schauen, Staunen und Schnuppern«, wie ein Reisemagazin mal schrieb. Oder, um mit zwei Geistesgrößen aus Deutschland und Frankreich zu schließen: »Hier findet sich so viel Größe mit Anmut, so viel Ernst mit Lieblichkeit verbunden«, lässt sich Johann Wolfgang von Goethe vernehmen. Und sein Kollege Victor Hugo spinnt den Faden zu Ende: »Ich liebe dieses Land; zum fünften Male komme ich hier her … angezogen durch meine Träumerei und die Neigung, die ich für schöne, das heißt wilde Plätze, in mir trage.«