Alles, was ich mir wünschte, war nach Afrika zurückzukommen. Wir hatten es noch nicht einmal verlassen - und doch war ich, wenn ich nachts wach lag und lauschte, schon heimwehkrank.« So schrieb einst Ernest Hemingway in seinem Buch »Die grünen Hügel Afrikas«. Ein halbes Jahrhundert ist seitdem vergangen, vieles hat sich in Ostafrika verändert, geblieben ist die Faszination der Landschaft. Kenia, das bedeutet endlose Weiten - Savannen, über die noch immer riesige Büffel- und Elefantenherden ziehen, wo noch immer Löwenrudel jagen -, eine über 400 km lange tropische Küste mit weißen Stränden, türkisfarbenem Wasser und beschaulichen Inseln sowie im Landesinneren schneebedeckte Berggipfel, tropischer Regenwald, erloschene Vulkane, aktive Geysire, sonnendurchglühte Wüsten.
Kenia, das ist ein Land der Gegensätze. Auf einer Fläche von 582 646 km² (Deutschland zum Vergleich: 357 020 km²) finden sich nahezu alle Klima- und Vegetationszonen der Tropen: ein regenreicher und fruchtbarer Küstenstreifen am Indischen Ozean, Farmland im Zentralen Hochland, unverfälschte Bergwälder und Kraterseen in den Aberdares und im Marsabit-Nationalpark; alpine Hochtäler und Gletscher am Mount Kenya, eine Mondlandschaft aus verwittertem Lavagestein am Ufer des größten sodahaltigen Sees der Welt, des Lake Turkana, die Chalbi- und Koroli-Wüste östlich des Sees, die Kaisut-Wüste südlich von Marsabit. Vorherrschend im Landschaftsbild ist die Savanne: Grassteppen, bewachsen mit Dornenbüschen und Schirmakazien, dazwischen Flusslandschaften mit Galeriewäldern am Ufer. Und mit einer einmaligen Tierwelt: Löwen, Büffel, Elefanten, Gnus, Zebras, Hyänen, Leoparden, Geparden, Gazellen, Nashörner, Warzenschweine, Flusspferde.
Quer durch Kenia, von Norden nach Süden, zieht sich eine geologische Besonderheit: der Ostafrikanische Graben, das Rift Valley, durch eine Aufwölbung der Erdkruste vor Millionen Jahren entstanden. Auf der Grabensohle reiht sich eine Kette von Seen: Turkana, Baringo, Nakuru, Elmenteita, Naivasha, Magadi und Lake Bogoria. Vogelparadiese die meisten, doch berühmt ist vor allem der von Hunderttausenden von Flamingos bevölkerte Nakuru-See.
Mit dem Grabenbruch und den gewaltigen vulkanischen Eruptionen entstanden die höchsten Berge Kenias, der Mount Kenya (5199 m), dessen Gipfel auf Grund klimatischer Veränderungen wohl nicht mehr lange von ewigem Schnee bedeckt sein wird, und die Aberdares, eine reizvolle Berglandschaft mit Bambuswäldern und Hochmooren.
Die meisten Regionen sind touristisch erschlossen. Die Unterkünfte reichen vom Luxushotel über komfortable Lodges, wie die Hotels in den Nationalparks genannt werden, bis zu einfachen Zeltcamps und Hütten für Selbstversorger. Wer Sonne, Strand und Erholung sucht, der ist bestens an der Küste aufgehoben, an den Gestaden des Indischen Ozeans: weite, weiße Sandstrände, von Palmen gesäumt, die sich in der sanften Brise wiegen. Für Aktive bieten sich Sportmöglichkeiten aller Art: Hochseefischen, Tauchen, Schnorcheln, Surfen, Segeln, Tennis, Golf. Wer lieber auf Entdeckungsreise geht, für den beginnt das Abenteuer jenseits der Küste, im Landesinneren: auf Fotopirsch in den Nationalparks und Wildreservaten, im Amboseli, in der Masai Mara, dem Tsavo. Die Chancen, die »Big Five« vor das Objektiv zu bekommen, sind groß: Elefanten, Büffel, Löwen, aber auch Nashörner und, mit Glück, Leoparden. Wer Entdeckerfreuden nicht im Safaribus mit anderen teilen möchte, kann eine Safari im klassischen Stil buchen. Wer es lieber knochenhart und preiswert mag, für den empfehlen sich Safaris im umgebauten LKW zu den Sodaseen, in die Wildreservate und Nationalparks, bis in die Wüsten im Norden. Übernachtet wird im einfachen Zelt. Eine Einschränkung gilt allerdings zurzeit: Von Safaris auf eigene Faust, also im Geländewagen ohne Fahrer, ist abzuraten. Zum einen sind die Preise für zuverlässige Wagen in phantastische Höhen geschnellt - ein geländegängiger Pajero etwa kostet für eine Woche an die 1500 Euro -, zum anderen besteht ein erhöhtes Sicherheitsrisiko. Die Kriminalität hat in Kenia erheblich zugenommen. Auch wenn die Regierung umfangreiche Maßnahmen ergriffen hat, um die Sicherheit der Touristen zu gewährleisten, ist es wiederholt zu Zwischenfällen gekommen.
So vielfältig wie die Landschaft ist auch die Bevölkerung Kenias. Die über 31 Mio. Menschen gehören über vierzig Völkern unterschiedlicher Kultur- und Sprachfamilien an. Wer sich für die Geschichte Kenias interessiert, wird in Mombasa, vor allem aber auf der Insel Lamu die Spuren einer einst blühenden Swahili-Kultur finden, die Zeugnisse vergangener Größe reicher Stadtstaaten. Im Norden Kenias, am Turkana-See, liegen prähistorische Fundstätten. Weltweites Aufsehen erregte der Schädelfund eines Homo erectus, der vor wahrscheinlich 1,6 Mio. Jahren am Ufer des Sees lebte. Wissenschaftler vermuten am Lake Turkana die »Wiege der Menschheit«. Schon im 9. Jh. hatten die Kalifen von Bagdad an der Küste Niederlassungen gegründet. Lange bevor die ersten Europäer Fuß auf ostafrikanischen Boden setzten, waren Malindi, Mombasa und Lamu blühende Handelszentren. Schiffe aus China, Ceylon, Indien und Persien gingen mit Seide, Brokat, Glas und Porzellan an Bord vor Anker und stachen mit Elfenbein und Sklaven wieder in See. 1498 kreuzte der Portugiese Vasco da Gama auf. Ein Jahrhundert portugiesischer Herrschaft begann. Mit den Schiffen der Eroberer kamen Gottesmänner und Missionare, Entdecker und Abenteurer, Kaufleute und Soldaten. Sie alle haben ihre Spuren hinterlassen. 1886 entdeckten die Briten ihre Neigung zu Ostafrika. Kenia wurde Kronkolonie. Mit den Engländern kamen Zehntausende von Indern ins Land, billige Arbeitskräfte für den Bau der Eisenbahnlinie von Mombasa nach Uganda.
Der »Wind des Wechsels«, der in den 1960er-Jahren Afrika erfasste, brachte auch Kenia 1963 die Unabhängigkeit. Noch prägt die koloniale Vergangenheit die Gegenwart. Kenia ist in den letzten Jahren in wirtschaftliche und politische Turbulenzen geraten. Korruption, Verarmung und ein beängstigender Anstieg der Kriminalität, dazu ein Staatschef, Daniel arap Moi, der fast ein Vierteljahrhundert an der Macht klebte und das Land mit harter Hand regierte, und schließlich Aids - das alles hat Kenia in Schwierigkeiten gebracht. Unruhen während der Wahlen 1997 an der Küste, vor allem aber zwei Anschläge der Terrororganisation Al Kaida in Mombasa 2002 haben die Zahl ausländischer Besucher drastisch sinken lassen. Hoffnung macht der 2002 erfolgte Wechsel an der Regierungsspitze, der zu einer spürbaren Besserung des innenpolitischen Klimas geführt hat.