Zwei Worte standen auf allen Plakaten kurz vor der indischen Parlamentswahl im Frühjahr 2004: India shining (Indien leuchtet). Ob in Calcutta (Kolkata) oder Madras (Chennai), im tiefen Süden von Kerala oder in den Hightech-Zentren Bangalore und Hyderabad - in ganz Indien prangte der Wahlslogan auf riesigen Reklametafeln. In Wirklichkeit war das neue Indien schon da. Mehr und mehr Inder verstehen sich nicht mehr als die Dritte-Welt- Habenichtse, sondern als Bürger eines großen Staates mit großen Zukunftsaussichten. Auch die Armen, so glauben viele, könnten bald im neuen Indien der Hightech-Industrien, der Computerexporte, der Atomwaffen und Weltraumraketen, der hoch gesteckten Verkehrs- und Energieprojekte, mehr Bildung erwerben und damit ihre Chancen verbessern.
Trotz aller Erfolge und entgegen den meisten Prognosen unterlag die Regierungskoalition von Ministerpräsident Vajpayee bei den Wahlen der überraschend erstarkten Kongresspartei Sonia Gandhis. Als neuer Ministerpräsident kündigte der Wirtschaftsexperte Manmohan Singh »Reformen mit menschlichem Antlitz« an, den Kampf gegen die Armut und Anstrengungen für den Frieden. Der 71-Jährige, der zur Sikh-Minderheit gehört, scheint gegen Korruption immun zu sein und wird in Indien als Vater der Liberalisierung gefeiert.
Was den Tourismus anbelangt, dürfte es selbst diesem brillanten Kopf kaum gelingen, mit neuen Programmen die Erfolge der letzten Jahre zu übertreffen. In einem einzigen Jahr (2003) konnte Indien einen Zuwachs an Gästen aus dem Ausland um 15 Prozent verbuchen. Das war Weltspitze!
Nicht nur die jährlich rund drei Mio. Ausländer, weitaus mehr Einheimische sind als Touristen im Wunderland Indien unterwegs. Nach Schätzungen sind es rund 100 Mio. pro Jahr. Viele kommen als Pilger, aber auch als Gäste in romantische Heritage-Hotels, in moderne Urlaubsresorts und in allerneueste Luxushotels.
Globetrotter brauchen nicht zu fürchten, dass über alldem das alte, abenteuerbunte Indien verschwunden ist. Wer das Land kennt, das neunmal so groß wie die Bundesrepublik Deutschland ist, weiß auch, wie riesig sich das bäuerliche oder ganz im Naturzustand belassene Hinterland zwischen Arabischem Meer und Indischem Ozean, zwischen Himalaya und Cape Comorin an der Südspitze erstreckt - mit seinen Dschungeln und Steppen, Wüsten und Schneegebirgen. Das Indien der Tiger-, Elefanten- und Leopardenpirsch (mit der Kamera, versteht sich) überdauert ebenso wie das Indien der prächtigen Felsheiligtümer, mittelalterlichen Forts und Maharajapaläste, Hindu-Tempel und Mogulmoscheen.
Außer dem Urlaub an Palmenstränden und den Exkursionen im Kamelsattel finden auch andere Angebote großes Interesse: Ayurvedakuren, Trekking im Himalaya, Hausbootferien auf den Backwaters von Südindien oder Wildwasserfahrten im Gebirge, Reiterferien in Rajasthan oder Rundfahrten im historischen Luxuszug. Unverwechselbar indisch sind Meditations- und Yogakurse in einem Ashram. Mittlerweile werden sogar Hochzeiten im indischen Stil für Touristen angeboten. So können sich Paare in Keralas Kalappura- Landhaus von einem Hindu-Priester den Segen geben lassen. Nur das Anlegen des Saris - sechs Meter Seide - gestaltet sich selbst unter Beihilfe von fünf (!) indischen Damen ein wenig mühsam.
Das wichtigste Datum für den wirtschaftlichen Aufschwung bleibt der 21. Juni 1991. Der Kurs heißt seither Marktwirtschaft und privates Unternehmertum, Abbau von Bürokratiebarrieren und Öffnung für Investoren aus aller Welt. Ein ganzer Subkontinent existiert seit bald 60 Jahren in politischer Einheit, obwohl seine Einwohner - ihre Zahl hat die Milliarde im August 2000 überschritten - 18 staatlich anerkannte Sprachen sprechen und dazu noch Hunderte anderer Sprachen und Dialekte. Im Bharat Indien, der 1947 eilig geschaffenen Republik Indien, leben Menschen von ganz unterschiedlicher Herkunft und Hautfarbe. An Tempeln, Moscheen und Kirchen kann jeder erkennen, dass keineswegs alle Inder Hindu-Gläubige sind.
Hinduismus, Jainimus und Sikhismus sind auf indischem Boden entstanden, ebenso der Buddhismus, der in Indien hauptsächlich in Sikkim und Ladakh seine Anhänger hat. Durch kriegerische Eroberung breitete sich schon vor bald tausend Jahren der Islam aus und mit ihm die mittelöstliche Formensprache in Architektur und Ornamentik, die im kaiserlichen Grabmal des Taj Mahal ihren Höhepunkt erreichte. Das Christentum fasste nach kleineren missionarischen Anfängen seit fünf Jahrhunderten im Land Fuß - unter der Kolonialherrschaft der Portugiesen, Holländer, Franzosen und Briten.
Und dann die Größe des Landes! Seine Ausdehnung vom Himalaya im Norden zur südlichen Landspitze misst 3200 km, die vom Westen nach Osten über 3000 km. Das bedeutet keineswegs Menschenleere: In Indien kommen auf den Quadratkilometer im Durchschnitt mehr Menschen (283) als im dicht besiedelten Deutschland (227). Will man Bekanntschaft mit diesem riesengroßen Land machen, sollte man sich Zeit lassen. Viele Probleme werden verständlich, Lösungen oder Auswege scheinen zwar nicht vollkommen, doch oft praktisch und voll richtiger Ansätze. Und der so andere Lebensstandard vieler Inder? Unzureichende Wohnungen, mangelnde Hygiene, Straßenbettelei - sie schockieren immer wieder Besucher, schrecken gar viele von einer Reise ab. Rasantes Bevölkerungswachstum und Landflucht in die Ballungsgebiete erschweren staatliche Reformen. Existenzbedrohendes Elend entsteht in den Städten unter den Kranken und Behinderten, bei den vielen Analphabeten und anderen ausgebeuteten Hilflosen. Doch die überwiegende Zahl der Inder lebt zwar sehr einfach, hat aber ein bescheidenes Auskommen, sozialen Rückhalt und den festen Willen zum Aufstieg.
Starke Hoffnungen richten sich auf die Frauen. Millionen von gut ausgebildeten Frauen üben einen qualifizierten Beruf aus. Frauen auf dem Land schaffen sich und ihrer Familie mit kleinen Krediten eine Existenz. Zwischen den nördlichen und südlichen Gebieten gibt es ein deutliches wirtschaftliches Gefälle. Die Hauptursache dafür ist die bessere Schulbildung im Süden, vor allem in Kerala, die auch den Mädchen zugute kommt.
Indien hat Fremdherrschaft und große Not ertragen. Ungebrochen ist dennoch der offene, fast überall freundliche Charakter der Völker Indiens, der sich selbst bei denjenigen, die nicht viel besitzen, in selbstverständlich geübter Gastfreundschaft äußert. Man bietet Tee oder eine Frucht an - und will den Gast ansehen, ihm Gutes tun, selbst wenn man mit ihm nicht sprechen kann. Die Heiterkeit auf indischen Gesichtern ist schon Grund genug für einen Besuch des Landes. Hinzu kommen der Glanz der kräftigen Farben, die Paläste und Ruinen, Tempelpracht und Affenfrechheit, Urwald und Wüste: Indien ist immer das völlig Unerwartete, das gänzlich Andere.