»Il Milione« nannten die Venezianer ihren Landsmann, der so viel von einem reichen und prächtigen Land im Osten zu berichten hatte - einen Aufschneider also. Dabei war jener Marco Polo kein Phantast, sondern ein nüchterner Berichterstatter. 17 Jahre lang, von 1275 bis 1292, lebte er als Kaufmann und, nach eigener Auskunft, auch als Beamter in China. Sein Name steht bis heute für ein Fernweh besonderer Art: für die Sehnsucht nach dem Reich der Mitte.
Wer von China spricht, der redet von einem Kontinent. Seine nördlichste Stadt, Mohe in der Provinz Heilongjiang, liegt auf der Höhe von Berlin, die tropische Insel Hainan auf dem Breitengrad der Südsahara. Dazwischen erstreckt sich eine Fläche von 9,6 Mio. km². Der Fernzug Shanghai-Urumqi braucht von der Mündung des Yangzi bis in den äußersten Westen dreieinhalb Tage und legt 4077 km zurück. Selbst mit dem Flugzeug benötigt man fünf Stunden, um China von der östlichen zur westlichen Grenze zu durchqueren.
Dazwischen liegt ein Land, dessen Kultur und Landschaft dem Wunschzettel eines verwöhnten Touristen zu entstammen scheinen. Die Tonsoldaten des »Ersten Erhabenen Kaisers«, die Große Mauer (das größte Bauwerk der Menschheit!) und der Pekinger Kaiserpalast sind nur einige Kulturdenkmäler von Weltrang. In den Grotten von Dunhuang, Dazu und Longmen finden sich buddhistische Steinskulpturen von unschätzbarem Wert. Die Gärten von Chengde und Suzhou begeistern durch fein durchdachte Architektur. Die Karstkegel Guilins und die schroffen Felsnadeln des Huang Shan sind nur zwei von zahllosen landschaftlichen Attraktionen. Überall im Land zeigen Tempelklöster mit uralter Tradition neue Aktivität, traditionelle Feste wie das Drachenboot- und das Laternenfest werden wieder in überlieferter Manier gefeiert.
Es ist nicht schwer, von China auf den ersten Blick begeistert zu sein. Wer sich einer Reisegruppe anvertraut und drei bis vier Wochen lang von einer Sehenswürdigkeit zur nächsten führen lässt, bringt sicher ein Bündel von Erlebnissen und einen prall gefüllten Fotokoffer mit. Daran ist, von den Strapazen abgesehen, nichts auszusetzen - doch wer etwas genauer hinschaut, wird seine touristischen Glanzlichter vielleicht am Wegesrand finden.
Daher ein Rat: Lassen Sie ab und zu eine Pagode Pagode sein. Setzen Sie sich ins nächste Teehaus, und beobachten bei Grüntee und Knabbereien die Umgebung. Wenn Sie einen schön gelegenen Tempel finden (und davon gibt es wieder genug): Warum nicht die Stippvisite zu einer Übernachtung ausdehnen? Wenn im Morgengrauen Gebete und Klosterglocken ertönen, macht das den fehlenden Zimmerservice doppelt wett. Wer sich genügend Zeit lässt, kann sich dem Pilgerstrom auf die heiligen Berge anschließen, anstatt mit Bus und Seilbahn eine hastige Gipfeltour zu absolvieren. Er kann das Taxi mit dem Fahrrad und das Flugzeug mit dem gemächlichen Flussdampfer vertauschen. Er kann abends sein Tsingtau-Bier in einer Karaoke-Bar schlürfen. Und er kann im Morgengrauen durch die Parks schlendern, Alt und Jung bei der Morgengymnastik zuschauen und darüber philosophieren, warum die Chinesen zum Abschied gern manman zou sagen: »Gehen Sie schön langsam.«
In China sagt man auch: »Einmal sehen ist besser als hundertmal hören!« Schauen wir also genauer hin: Da eröffnet sich ein Gebiet der landschaftlichen Extreme. Das »typisch chinesische« Bild endloser Reisfelder findet man nur in einer relativ kleinen Region im Südosten des Landes. Dafür nimmt das Hochland Tibets, mit 4000 bis 5000 m das höchste Plateau der Welt, fast ein Viertel der Gesamtfläche Chinas ein. An seinem Südrand ragt die Kette des Himalaya empor, dessen höchsten Gipfel (8848 m) die Chinesen Zhumulangma Feng nennen: den Mount Everest.
Ein weiteres Sechstel, immerhin 1,5 Mio. km², entfällt auf die Hochgebirge und Wüsten Xinjiangs im Nordwesten und die mongolischen Grassteppen im mittleren Norden. Die mandschurische Ebene, die im Nordosten weit nach Russland hineinragt und an deren Südrand Korea grenzt, hat die kältesten Winter Chinas aufzuweisen. Im Januar sinkt das Thermometer hier bis auf 50 Grad unter Null, das sind rund 70 Grad weniger als gleichzeitig im äußersten Süden.
Von Peking bis Shanghai erstreckt sich entlang der Ostküste die fruchtbare chinesische Tiefebene. Diese äußerst dicht besiedelte Region ist das jahrtausendealte Kernland der chinesischen Kultur. Hier lebte und lehrte Konfuzius, hier münden die beiden Riesenströme Huang He (Gelber Fluss) und Chang Jiang (Langer Fluss) ins Meer. Der Chang Jiang, auch Yangzi Jiang genannt, ist mit 6300 km Chinas längster Strom (und der drittlängste der Welt). Er durchläuft neun Provinzen und bewässert mit seinen 700 Nebenflüssen etwa ein Viertel der gesamten chinesischen Anbaufläche.
Gleichzeitig bildet er in etwa die Nordgrenze der subtropischen Klimazone, die mit warmen, regnerischen Sommern und milden Wintern den größten Teil Südchinas einnimmt. Hier dominiert hügeliges Karstland, das in den Südwestprovinzen Guizhou und Yunnan allmählich bis zu den Ausläufern des tibetischen Berglandes ansteigt. Tropische Vegetation und Temperaturen herrschen an der Südküste und auf Hainan.
China umfasst 22 Provinzen, die in Ausdehnung und Bevölkerungszahl mitteleuropäischen Staaten entsprechen. Hinzu kommen fünf Autonome Gebiete (Tibet, Xinjiang, Ningxia, Guangxi, Innere Mongolei) sowie die regierungsunmittelbaren Städte Peking, Tianjin, Chongqing und Shanghai. 1,3 Mrd. Menschen, mehr als ein Fünftel der Weltbevölkerung, leben hier - die Provinz Henan mit über 90 Mio. Einwohnern ist bevölkerungsreicher als jeder Staat Europas.
Nicht nur die Landschaften, auch die Städte und Siedlungen Chinas sind voller Abwechslung. Von der gravitätischen Strenge der Pekinger Kaiserbauten zur geschäftigen Buntheit eines südchinesischen Straßenmarkts, von der Weite des tibetischen Hochlands zu den Stahl-und-Marmor-Palästen Shanghais - China ist nicht auf einen Nenner zu bringen. Es ist ein Land mit ausgeprägten regionalen Traditionen, Kulturen und Interessen und keinesfalls der monolithische Einheitsstaat, als der es (nicht ohne eigenes Zutun) immer wieder missverstanden wurde.
Wie China wirklich ist, darüber hat man im Westen jahrhundertelang gerätselt. Die ersten Fernost- Reisenden des Mittelalters waren Franziskanermönche, die in den Mongolenarmeen des Dschinghis Khan die Heere des legendären Priesters Johannes vermuteten und den aussichtslosen Versuch unternahmen, mit ihnen eine Allianz gegen den Islam zu schmieden. Später waren die Jesuiten an der Reihe: Sie brachten es im 17. Jh. bis zum Beraterstatus am chinesischen Kaiserhof und legten mit ihren Übersetzungen und Berichten die Grundlage der modernen Chinaforschung. Von den Jesuiten angeregt, priesen die europäischen Aufklärer China als Hort der praktischen Vernunft, seine Kaiser als aufgeklärte Monarchen. Doch die Zeiten wandelten sich: Als die Kolonialisten des 19. Jhs. das Land gewaltsam dem westlichen Handel öffneten, entstand ein neues China-Bild. Nun sah man ein grausames, exotisches Heidenvolk mit lächerlicher Zopftracht, das dem Opium verfallen war. Das Zerrbild kulminierte um die Wende zum 20. Jh. in der absurden Angst vor der »Gelben Gefahr«.
Für China selbst war die Öffnung zur Außenwelt verbunden mit einer traumatischen Erfahrung: dem Niedergang des mächtigsten Reichs der Welt zum Entwicklungsland. Denn »Öffnung« hieß zunächst nichts anderes als Kolonialismus. Anfang des 19. Jhs. hatte die britische Ostindische Kompanie ihr Handelsbilanzdefizit gegenüber China durch die Verbreitung einer Droge ausgeglichen: des Opiums, das in der britischen Kolonie Indien angebaut wurde. Als ein Abgesandter des chinesischen Kaisers das Gift in Kanton beschlagnahmen und verbrennen ließ, setzten die Briten mit Kanonenbooten durch, was sie für ihr Recht auf freien Handel hielten. Der erste Opiumkrieg endete 1842 mit der erzwungenen Öffnung von fünf Küstenstädten (darunter Shanghai) und leitete Chinas mühevollen Weg in die Gegenwart ein.
Das alte China hatte sich in der Rolle einer politischen Hegemonialmacht und der einzigen Kulturnation überhaupt gefallen. Dieses »sinozentrische« Weltbild wurde nun Zug um Zug zerschlagen. Die technologisch und militärisch weit überlegenen Kolonialmächte erzwangen immer weitergehendere Handels- und Niederlassungsrechte. Das provozierte gewaltsame Reaktionen, die das Land nur tiefer in die Krise stürzten. Der fremdenfeindliche »Boxeraufstand«, wie er im Westen genannt wurde, endete im Jahr 1900 mit einem gewalttätigen Rachefeldzug und astronomischen Reparationsforderungen der alliierten Westmächte.
Damit war der Kaiserhof am Ende. Die chinesische Republik (seit 1912) litt unter blutigen Unruhen, Bürgerkrieg und dem Vordringen der japanischen Besatzer, die bis 1945 weite Teile des Landes kontrollierten. Das »Jahrhundert der Demütigungen« endete mit der Machtergreifung Mao Zedongs im Jahr 1949. Die chinesischen Kommunisten stellten die Souveränität des Landes wieder her - zum Preis der erneuten Abschottung. Besonders während der »Großen Proletarischen Kulturrevolution« war das Land praktisch von der Außenwelt abgeschnitten.
Seit Ende der 1970er-Jahre öffnet sich China erneut: diesmal aus freien Stücken und mit dem erklärten Ziel, die Wirtschaft des Landes ohne ideologischen Ballast wieder auf Vordermann zu bringen. Seitdem gilt der Satz des pragmatischen Wirtschaftsreformers Deng Xiaoping: »Es ist egal, ob eine Katze schwarz oder weiß ist - Hauptsache, sie fängt Mäuse!« Die Rücknahme von Hongkong (1997) und Macau (1999) aus der Hand der Kolonialisten war Balsam auf die Seele chinesischer Patrioten, weckte allerdings auch neue Begehrlichkeiten: Noch immer wird Taiwan, die de facto selbstständige Inselrepublik vor Chinas Südostküste, mit militärischer »Rückeroberung« bedroht.
Chinas Weg in die Moderne blieb nicht ohne bittere Rückschläge; dies zeigte das Pekinger Massaker von 1989, das viele Hundert Menschenleben kostete. Dennoch hat das Land in den letzten zwei Jahrzehnten unübersehbar an Wohlstand - und ganz allmählich wohl auch an Freiheit gewonnen.
Wer das Land bereist, kann die Ergebnisse besonders in den aufstrebenden Metropolen aus nächster Nähe betrachten: Baustellen und Wolkenkratzer, ein neuer, oft ungehemmt zur Schau gestellter Luxus in Hotels, feinen Restaurants und Boutiquen - aber auch neue Armut und elende Bettler an den Straßenrändern, wie eine Erinnerung an vergangen geglaubte Zeiten.
Übrigens: Auf den Straßen und in Geschäften herrscht durchaus nicht immer die sprichwörtliche Höflichkeit der Chinesen, sondern ein recht direkter Umgangston. Viele Chinesen amüsieren sich königlich, wenn ein Ausländer unter endlosen duibuqi (»Verzeihung«) und xiexie (»Danke«) einen simplen Einkauf tätigt.
Eine Entschuldigung für postkoloniale Überheblichkeit ist das freilich nicht. Und im persönlichen Umgang sieht es ohnehin gleich ganz anders aus - hier ist die gute Form ein absolutes Muss. Wenn dann doch einmal etwas schief geht, denken Sie daran, dass es nichts nützt, aus der Haut zu fahren: »Gesichtsverlust« ist in China eine Todsünde. Sie können dem Ticketverkäufer oder Hotelportier noch so oft beweisen, dass er Unrecht hat: Er wird auf stur schalten, wenn er der Ansicht ist, Sie riskierten seinen oder den eigenen Gesichtsverlust. In diesem Fall hilft Gelassenheit: Sicher findet sich eine Lösung, die alle Beteiligten ohne Blamage aus dem Dilemma entlässt.