Todmüde fallen Sie aus der Maschine. Ihre innere Uhr ist durcheinander. Sie sind die ganze Nacht geflogen. Halb in Trance lassen Sie die Zoll- und Passkontrolle über sich ergehen. Dann öffnet sich die Tür des Airports. Endlich durchatmen! Doch statt frischer, kühler Luft atmen Sie Watte ein - warme, feuchte Watte mit einem Hauch Patschuli. Schon die ersten Bilder, Geräusche und Gerüche sind von der starken Art. Brasilien ist ein Land des Kolorits und der Kontraste.
Der Synkretismus, die Vermischung der Religionen und Kulturen, zeichnet Brasilien aus. Das tropische Riesenreich ist eine multikulturelle Gesellschaft: von den Nachfahren deutscher Einwanderer, polnischer Siedler, italienischer Fabrikanten, spanischer Abenteurer, japanischer Kaffeepflücker, koreanischer Schneider, syrischer Händler und afrikanischer Sklaven bis zu den Kindern der Yanomami-Indianer, die eben zum ersten Mal im Leben einen Mann mit Bart gesehen haben. Und all das im fünftgrößten Land der Erde, in das Europa leicht hineinpasst, und das vom Bergland Guyanas bis zur Pampa reicht, von den Anden bis ans Amazonasdelta.
Während »oben« am Amazonas und auch in Rio de Janeiro das Thermometer auf über 40 Grad klettert, melden einige Bergstationen in den Bundesstaaten Paraná und Santa Catarina schon mal Raureif und Schneeglätte. Je weiter man nach Süden zieht, umso europäischer erscheint Brasilien. Ordentlich verläuft hier das Leben und sauber. Statt Apfelsinen werden Äpfel angeboten, statt schwarzem Kaffee grüner Matetee. Auf den Weiden stehen schwarz-bunte Kühe und keine Zeburinder.
Neben der engen Welt der deutschen, italienischen und polnischen Häusler in Paraná und Santa Catarina herrscht die Freiheit der Erde im Sattel der Pferde. Die Gauchos sind die Herren der Pampa. Sie sprechen anders, leben anders und ziehen die Stiefel kaum aus. Ihre Nahrung besteht aus Bergen von Fleisch (churrasco), und sie süffeln den ganzen Tag den chimarrão, den Matetee, mit einem Silberrohr aus einer Kalebasse.
Der Wilde Westen Brasiliens beginnt jenseits der Küstenkordillere. Je weiter Sie in die untergehende Sonne fahren, desto einsamer wird das Land, desto karger der rotbraune Boden, den meist nur schüttere Macchia bedeckt; bis aus diesem Landmeer eine Fata Morgana aufsteigt: BrasÃlia, die künstliche Hauptstadt, der Schreibtisch in der Steppe. 1000 km weiter nach Westen das Pantanal, das größte Sumpfgebiet der Erde, wieder 1000 km nach Norden der Amazonas, dieses gewaltige Flusssystem, eine amphibische Landschaft.
Amazonien ist so groß und gewaltig, dass noch jeder Reisende mit Ehrfurcht vor der Natur zurückgekehrt ist. Mehr als die Hälfte aller bekannten Lebensformen findet sich im tropischen Regenwald Amazoniens, darunter über 50000 verschiedene Blütenpflanzen. Pro Hektar Regenwald können 600 verschiedene Baumsorten wachsen.
Der Nordosten dagegen ist ein wüstes, archaisches Land. Ein Land des weiten Himmels und der kargen Erde. Das Land der Obristen, Honoratioren, Großgrundbesitzer und Viehbarone, der Advokaten und Ärzte, die aus Gier, Tradition oder Langeweile um die Bürgermeisterposten würfeln; Land der Rebellen und Banditen, der Viehdiebe und Wanderprediger, der Heiligen und Huren; Land der Ärmsten der Armen, der kinderreichen Landarbeiter, der landlosen Tagelöhner. Die Härte des Lebens, Dürre und Hitze haben die Menschen geformt, so wie sie auch den niedrigen, verkrüppelten Bäumen des Sertão ihre Gestalt gaben.
Fünf Millionen Steppen- und Waldindianer haben einmal auf dem Territorium gelebt, das heute Brasilien umfasst. Im Gegensatz zu den Inkas von Peru und den Azteken Mexikos waren sie auf der Kulturstufe der Jäger und Sammler stehengeblieben und in viele hundert Völker mit eigenen Sprachen aufgeteilt. Sie erlagen schnell dem Ansturm der gierigen europäischen Abenteurer und Kolonialsoldaten, die nur ein Interesse hatten: El Dorado zu finden, das Goldland. In Brasilien fanden sie es erst einmal nicht. Pedro Ãlvares Cabral, der als erster Europäer seinen Fuß an die Küste setzte und das Land 1500 für die portugiesische Krone reklamierte, meldete enttäuscht nach Hause, dass es im »Land des Heiligen Kreuzes« nichts als Wälder und Wilde gebe. Mit dem Rotholz eines unscheinbaren Baums konnte man wenigstens Textilien färben: pau brasil wurde es genannt - und hinterher trug das ganze Land seinen Namen: Brasilien. Was sollte man mit so einem Stück Kontinent anfangen, fragten sich die Portugiesen. Die Niederländer zeigten es: Man konnte Zuckerrohr anpflanzen, denn das gedieh prächtig. Die Indianer wurden zu Sklaven gepresst - in wenigen Jahrzehnten starben sie an Krankheit, Hunger und Qual. Um die Indianer zu ersetzen, verfielen die Pflanzer auf die Idee, afrikanische Sklaven zu importieren. Mehrere Millionen Schwarzafrikaner wurden von den weißen Kolonisatoren in die Neue Welt verschleppt, manches stolze Vermögen wurde mit dem transatlantischen Menschenhandel zusammengerafft. Auf dem Rücken der Ausgebeuteten, die wie Tiere behandelt wurden, entstand eine tropische Gesellschaft von »Herrenhaus und Sklavenhütte«. Die Sklaverei wurde in Brasilien erst 1889 aufgehoben. Auch heute noch gilt trotz aller Mischung: weiße Hautfarbe gleich oben/reich - schwarze gleich unten/arm. Die portugiesischen Eroberer ließen sich von ihrem Dünkel nicht abhalten, der weiblichen Schönheit - gleich welchen Teints - zu huldigen.
Afrika, Amerika, Europa - das sind die Wurzeln, aus denen der Brasil-Baum sprießt und viele Blüten trägt. Um so erstaunlicher ist es, dass dieses bunte Riesenreich durch die portugiesische Sprache zusammengehalten wird. Vielleicht liegt es daran, dass dieses Idiom biegsam ist wie eine Liane. »Brasilianisch« kann gut auf die steife Grammatik Portugals verzichten - nie aber auf die Koseform, die freundliche Floskel und die Neuschöpfung von Worten. Wie die Sprache so der Mensch. Hautkontakt und Sinnenfreude sind das Lebenselixier der Brasilianer. Wer sich abschließt und auf seinem Recht beharrt, gilt als chato, als stur. Der beste Ort, um das phantasievolle Spiel der Gesten und Gebärden, den Flirt und Witz zu beobachten, ist der Strand (praia) oder der Platz (praça) vor der Kirche, das große Wohnzimmer im dörflichen Leben. Brasilianer sind wahre Lebenskünstler. Noch der Ärmste der Armen hat das Lachen nicht verlernt - und das Tanzen schon gar nicht. Sempre dá um jeito - es gibt immer einen Ausweg. Im tropischen Klima sprießen an einem Baum zugleich die Knospen, strahlen die Blüten, reifen die Früchte und fallen die Blätter ab. Das Gegenwärtige gemahnt an die Vergänglichkeit und weist gleichzeitig auf die Zukunft hin. Der Zeitbegriff zerfließt. Was zählt, ist der Augenblick. Nordeuropäer sind anders gestrickt: Sie müssen immer an den nächsten Winter denken, ans Sparen und Planen. Für Brasilianer sind das lästige Angelegenheiten, die sie vom Leben - und das ist jetzt! - nur ablenken. Mit einem Satz: Europa wirkt wie ein Museum der Vergangenheit mit Blick auf die Zukunft, Brasilien aber wie ein Zirkus des Lebens.