Als in der Nacht zum 1. Juli 1997 der letzte Union Jack eingeholt worden war und die königliche Yacht »Britannia« mit Prince Charles und dem letzten britischen Gouverneur die Leinen losmachte, endete nicht nur für Hongkong eine Epoche. Für China verschwand ein schmerzender Stachel einstiger Demütigung, ein Symbol des Imperialismus des 19. Jhs., für Europa ein Sinnbild und letzter Zeuge globaler Dominanz, die sich die Mächte - allen voran England - in den Jahrhunderten zuvor mit Waffengewalt verschafft hatten. In Hongkong selbst änderte sich außer den Symbolen eher wenig. Zwar wurde das gewählte Parlament durch ein Peking genehmes Übergangsgremium ersetzt, doch nachdem bereits zuvor alle führenden Verwaltungsposten mit Chinesen besetzt worden waren, blieb ansonsten - und bleibt zunächst auch weiterhin - das meiste wie gewohnt: die Währung, der Linksverkehr, die Zweisprachigkeit (Englisch und Kantonesisch), das Rechtssystem, die visumfreie Einreise und die Grenze zum neuen Mutter- und alten Vaterland. Der Royal Yacht Club bezeichnet sich weiterhin als königlich, und Straßen wie Queen's Road oder Prince Edward Road tragen ihre alten Namen. Die dennoch zu konstatierende teils schleichende, teils offen vorangetriebene Rekolonisierung Hongkongs durch China, die Rücknahme der demokratischen Reformen und die Selbstzensur in Presse und Fernsehen werden selbst von der Bevölkerung nur zum Teil beklagt. Als Besucher spürt man von alldem nichts.
Für die Gäste gilt, was auch die Hongkonger und ihre neuen Herren wissen: Diese Stadt ist eine Herausforderung. Beim ersten Schritt aus der klimatisierten Flughafenbahn ins Freie werden die Vorahnungen schlagartig Wirklichkeit: In den Straßenschluchten fängt sich eine lastende, süßliche Schwüle, Busse fauchen einen mit ihren Dieselschwaden an, überall herrscht Gedränge, und von den himmelstrebenden Fassaden schallt das tausendfache Echo der Presslufthämmer, Betonmischer und Lastwagen. Man flüchtet ins Hotel und ist nach zwei Tagen Shopping und einer Stadtrundfahrt erleichtert, Hitze und Lärm hinter sich lassen zu können.
Gewiss versäumt man bei solch einem Schnelldurchgang weder prächtige Paläste noch imposante Ruinen. Weltberühmte Museen fehlen in Hongkong ebenso wie liebliche Gärten oder lauschige Plätze. Hongkongs Rekorde hören sich entweder trocken oder unangenehm an: eine der führenden Finanzmetropolen, die höchsten Ladenmieten der Welt, der größte Textilexporteur der Welt, eine extreme Wohndichte, der größte Containerhafen der Welt, die U-Bahn mit der welthöchsten Verkehrsleistung pro Kilometer. Kommen also die zehn Millionen Besucher jährlich nur, um billig Seidenblusen und Kameras zu kaufen? Gibt es denn gar nichts zu bestaunen? Kein Urteil wäre falscher. Hongkong selbst ist eine einzige Attraktion. Als Wunder erscheint schon, dass dieser winzige kapitalistische Auswuchs am Rücken des chinesischen Riesen überhaupt funktioniert, doch nicht nur das: Hier entstand eine selbstbewusste Metropole mit Weltgeltung.
Für eine solche Erfolgsstory fehlten dem Ort unterm Wendekreis des Krebses zunächst alle Voraussetzungen. Als die Briten die Insel 1841 in Besitz nahmen, planten sie nur einen Stützpunkt und keine Großstadt. Das indische Opium, mit dem sie China überschwemmten, hatte von hier aus noch einen weiten Weg - nach Kanton zum Beispiel mehr als hundert Kilometer. Bis heute ist die Verkehrsanbindung ans Hinterland ungünstig. Vor allem mangelte es an bebaubaren Flächen und an Umland zur Versorgung der Stadt. Es sei eine »kahle Insel mit kaum einem Haus drauf«, rügte seinerzeit Viscount Palmerston, von der Wahl des Ortes nicht eben begeistert. So weiteten die Briten ihr Beutestück denn auch nachträglich aus. Erst kam 1860 die Halbinsel Kowloon hinzu - wie zuvor die Insel Hongkong »auf ewig« abgetreten -, und 1898 folgten die New Territories, die, damals auf 99 Jahre gepachtet, 91 Prozent der heutigen Fläche von rund 1100 km² ausmachen.
Hongkongs Daseinszweck war von Anfang an das Geschäftemachen, und davon wussten auch viele Chinesen zu profitieren, die ihrer traditionsverhafteten und von einer Krise in die nächste taumelnden Heimat den Rücken kehrten und sich hier schon bald nach der Gründung niederzulassen begannen. Die größte Zuwandererwelle war im Bürgerkrieg und beim Vordringen der Kommunisten (1945-1949) zu verkraften. Bald bedeckten riesige Elendssiedlungen die Berghänge. Jeder Taifun machte mit seinen Regenmassen Tausende obdachlos. 1953 gingen in einer einzigen Nacht die Hütten von 53 000 Menschen in Flammen auf. Was tun, um die Kolonie nicht im Chaos versinken zu lassen und China zu einer Einverleibung Hongkongs zu provozieren? Die erste Aufgabe war der Bau von Sozialsiedlungen - leicht gesagt, denn es gab kaum Platz. Schon im 19. Jh. hatte man begonnen, Neuland aufzuschütten. (Die Queen's Road als erste Uferstraße liegt heute bis zu 650 m vom Wasser entfernt.) Unterdessen sind ganze Buchten verschwunden und Berge abgetragen worden. Noch immer wächst Hongkong jährlich um mehrere Quadratkilometer. Vor allem musste man neue Städte in die ländlichen New Territories bauen. Dort lebt heute fast die Hälfte der Gesamtbevölkerung von 6,7 Millionen Menschen. Die Hochhaussiedlungen mögen Außenstehenden missfallen, doch es gab und gibt dazu keine Alternative, auch nicht im Bewusstsein der Bewohner, die die heute verschwundenen Slums vielfach noch aus eigener Erfahrung kennen. Die zahlreichen europäischen Luxuskarossen, die auf den Parkdecks vieler Hochhauskomplexe abgestellt sind, zeugen im Übrigen von einem erstaunlichen Wohlstand der Bewohner. Die in Europa viel publizierten Wohnkäfige, in die sich vor allem allein stehende ältere Erwerbslose pferchen müssen, sind dagegen durchaus untypisch. Die Kunst, sich auf engem Raum zu arrangieren, müssen allerdings außer den superreichen Villenbewohnern fast alle Hongkonger beherrschen.
Hongkongs zweite Herausforderung war das Verkehrsproblem. Das Territorium ist durch Meeresbuchten, Sunde und Berge extrem zerklüftet. Erst die U-Bahn und der Ausbau der Eisenbahnlinie sorgten um 1980 binnen weniger Jahre für Entspannung.
Das dritte Hauptproblem war der Trinkwassermangel. In regenarmen Jahren musste rationiert werden. Heute sichern zwei dem Meer abgerungene Mammutreservoirs sowie eine Wasserleitung aus China die Versorgung.
Am raschesten erledigte sich das vierte Problem: die Arbeitslosigkeit. Im Geldverdienen war man ja geübt. Zudem hatte Hongkong 1949 Shanghai in seiner Funktion als chinesisches Handels-, Produktionsund Finanzzentrum beerbt und stellte für das kommunistische China fast das einzige Tor zur Welt dar, für das Kapitalistendorado eine einträgliche Erwerbsquelle. In den 90er-Jahren jedoch wanderte fast die gesamte Industrie über die Grenze nach China ab. Viele Hongkonger pendeln seither nach Shenzhen zur Arbeit.
Heute präsentiert sich das Territorium als Ort unwahrscheinlicher Kontraste. Supermoderne Technik und chinesische Tradition, Großstadt und weltabgeschiedene Dörfchen, internationale Kultur und einsame Berge, Lärm und Stille - hier findet sich alles eng beieinander. Da werden neben dem Eingang zu einem schicken Nachtclub mit Hightechinstallationen in einem kleinen Blechschrein dem Gott der Türen, der Erde und des Reichtums Orangen und Weihrauch als Opfer dargebracht. Flott gekleidete Angestellte fahren mit ihrem Mobiltelefon auf den Friedhof, um die Gräber der Ahnen zu fegen, und gleich hinterm letzten 25-stöckigen Hochhaus beginnt subtropisches Dickicht, in dem tagsüber prächtige bunte Schmetterlinge flattern und nachts die Grillen zirpen. Der beherrschende Eindruck aber ist die Dynamik der Stadt, ihre Fähigkeit, neue Ideen und Pläne fast im Handumdrehen zu realisieren. Nur vier Jahre dauerte es vom Baubeginn bis zur Eröffnung der ersten U-Bahn-Strecke. Wohnsiedlungen für einige Tausend Menschen sind nach 300 Tagen Bauzeit schlüsselfertig. Die neueste Mode hängt hier schon in den Geschäften, ehe sie in Europa überhaupt ausgepackt ist.
Vielen Besuchern erscheint die Stadt als völlig verwestlicht, doch bei genauerem Hinsehen hält dieser Eindruck nicht stand. Nur eine Minderheit spricht leidlich gut Englisch. Die Hochhäuser sind Eigenbau, errichtet mit Hilfe von traditionellen Bambusgerüsten. Seit man auch Eiskrem, Hamburger und Pizza bekommt, mag Hongkong als international gelten, doch die städtische Politik wurde durch die informellen Kreise der Wirtschaftsmagnaten schon unter den Briten stärker geprägt als durch politische Parteien. Noch immer wird Familiensolidarität groß geschrieben. Die Stadt und ihre Menschen sind modern und technikbegeistert, aber was nicht altchinesisch ist, sollte man darum noch nicht für westlich halten.
Streift man durch den Hochhausdschungel, erstaunt vor allem das hohe Maß an sozialer Ordnung. Vandalismus ist hier praktisch unbekannt, die propere U-Bahn ebenso sicher wie graffitifrei. Fahren Sie aber auch hinaus auf die Inseln, wandern Sie über die Berge, entdecken Sie die kleinen Tempel, selbst mitten in der Stadt. Genießen Sie die Meeresfrüchte und all die anderen Köstlichkeiten der hiesigen Küche. Erleben Sie altes Puppentheater oder moderne Tanzkunst. Zwei Tage Hongkong sind immer schrecklich. Bleiben Sie eine Woche, und Sie werden noch eine zweite anhängen wollen. Haben Sie aber wirklich nur einen halben Tag Zeit, so fahren Sie auf den Peak. Das Prachtpanorama zeigt, was die Stadt und ihre Menschen leisten mussten und geleistet haben. Dies ist Hongkongs größtes Wunder. Seidenblusen kaufen können Sie auch zu Hause.